Im Kino: A serious Man Was will Gott von diesem Mann?

Die Coen-Brüder spielen in ihrem neuen Film "A serious Man" Gott - und stellen fest, dass der tatsächlich den besten Job hat.

Von Tobias Kniebe

Irgendwann muss die große Frage gestellt werden: Was, bitte schön, möchte Gott eigentlich von Larry Gopnik? Warum prüft er den armen Mann, einen jüdischen Physikdozenten, Lehrstuhlanwärter und Familienvater im mittleren Westen der USA, der doch nur ein rechtschaffener Mensch sein möchte, eine Stütze der Gemeinde, ein "serious man"?

Ihre Schauspieler, wie den wundervollen Michael Stuhlbarg als Larry, haben die Coen-Brüder diesmal nicht nach Bekanntheit ausgewählt, sondern einzig als perfekte Verkörperung ihrer Ideen.

(Foto: Foto: ddp)

Es sind da nämlich ein paar Dinge passiert. Für sich genommen Dinge, die jedem Ehemann, Familienvater, Lehrstuhlanwärter passieren könnten. Nur innerhalb weniger Tage, in merkwürdiger Häufung und Koinzidenz . . . da fragt man sich dann eben doch.

Nur als Beispiel hat Larrys Gattin, eine resolute Frau mit wuchtiger Helmfrisur, die Scheidung von Larry verlangt. Sie habe sich in Sy Ableman verliebt, den Freund der Familie, erklärt sie, allerdings ohne "whoopee-doopee" - die Sache sei ernst. Sy Ableman hat Harry danach an seine breite Brust gedrückt und in seinem tiefen, mitfühlenden Bass verkündet, dies sei der Lauf der Dinge. Larry sah sich gezwungen, sein Haus und seine beiden Kinder zu verlassen und ins Motel zu ziehen. Das alles empfand er als sehr erniedrigend, zu mehr als hilflosem Protest hat es aber nicht gereicht. Dann hatten Larry und Sy Ableman, praktisch in derselben Minute, jedoch an verschiedenen Orten, einen Autounfall. Larry blieb unverletzt. Sy Ableman starb. Da kann man ja wirklich ins Grübeln kommen.

Doch das sind längst nicht alle Probleme. Larrys lebensuntüchtiger, spielsüchtiger Bruder verursacht hohe Anwaltskosten; ein renitenter koreanischer Student bedroht Larry, um nicht durch die Prüfung zu fallen, gleichzeitig versucht er aber auch, ihn zu bestechen; anonyme Schmähbriefe gefährden gerade Larrys Berufung zum Professor, und so fort.

Transzendentalphilosophisch gesehen ist es natürlich so, dass Gott Larry Gopnik gar nichts sagt. Gott redet möglicherweise mit Menschen, aber nicht mit Filmfiguren. Die einzige Instanz, an die Gopnik sich wenden könnte, wären seine beiden Schöpfer, die oscarprämierten Regisseure Joel und Ethan Coen. Von denen ist allerdings keine Hilfe zu erwarten. Die sitzen in Larry Gopniks Himmel, göttergleich, und mögen ihn, aber mehr tun sie auch nicht. Neben der unbestreitbar vorhandenen Allmacht, die sie inzwischen über ihre Filme haben, neben einer mühelosen Beherrschung des Schöpfungshandwerks, die man ohne Übertreibung göttlich nennen könnte, gefällt ihnen vor allem die Tatsache, dass Gott - und in besonderem Maß ein jüdischer Gott - seinem Publikum keine Rechenschaft schuldig ist.

HaSchem, wie er nach orthodoxem jüdischen Sprachgebrauch hier genannt wird, kann zwar melodramatisch angerufen und befragt werden, was er sich bei dieser und jener dramaturgischen Wendung gedacht habe. HaSchem jedoch antwortet nicht. Er gibt nicht mal einen Hinweis. Die Last der Interpretation verbleibt bei uns - oder bei den nichtsnutzigen Rabbinern, bei denen Larry Gopnik schließlich Rat und Trost sucht. Die sind ungefähr so hilfreich wie Filmkritiker.

Ganz sinnlos ist hier zum Beispiel die beliebte Frage der Filmkritiker, ob bestimmte Dinge denn sein müssen. Ob die Ohren eines alten Rabbis wirklich so unglaublich verschrumpelt und behaart sein müssen, wie es hier in Großaufnahme gezeigt wird? Ob es tatsächlich nur jüdische Frauen gibt, die als unglaubliche Matronen mit superbreiten Hüften und stampfendem Schritt daherkommen? Mit Ausnahme dieser Mrs. Samsky aus der Nachbarschaft natürlich, die ihren wohlgeformten Körper nackt im Hinterhof bräunt und dann tatsächlich der pure Sex ist, eine Mrs. Robinson mit Drachenaugen und einem Joint in der Hand für Larry, zum Lockerwerden.

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Auf dem Weg zur Meisterschaft

Filmkritiker, die schon zu lange keinen Joint mehr geraucht haben, stellen solche Fragen und schreiben dann unlockere Sachen von "jüdischem Selbsthass" und so. Würde man Gott so etwas vorwerfen? Der formt Rabbiohren doch, wie er lustig ist, und lässt Haare sprießen, wo es ihm gefällt. Genauso versuchen es die Coens zu halten. In der Direktheit ihres Gestaltungswillens wirken sie unschuldig. Völlig außer Frage steht aber, dass sie die Gesamtheit ihrer Schöpfung lieben, dass sie jedes Detail darin kennen, dass ihnen jede Nuance wichtig ist. Ihre Schauspieler, wie den wundervollen Michael Stuhlbarg als Larry, haben sie diesmal nicht nach Bekanntheit ausgewählt, sondern einzig als perfekte Verkörperung ihrer Ideen.

Die ganze Geschichte spielt im Jahr 1967 in einer Stadt wie Minneapolis, aus der die Coens selber kommen, in der jüdischen Gemeinde eines Mittelklasse-Vororts wie jenem, in dem sie selbst ihre Bar Mizwah feierten. Sie kennen sich hier bestens aus. Die Plastikidylle der identischen Reihenhäuser und der abgezirkelten Rasenstücke, man meint sie zu riechen und zu schmecken.

So ziehen sie uns hinein in die Welt ihrer Jugend, die auch pophistorisch verortet ist, zwischen Jefferson Airplanes "Don't You Want Somebody to Love" und Santanas "Abraxas". Und dann werfen sie uns wieder hinaus, mit einem Lachen von göttlicher Undurchschaubarkeit. Dem ausgeliefert zu sein, verbindet uns Zuschauer auf brüderliche Weise mit Gopnik, dem Helden. Aus dieser Verbrüderung entsteht auch die enorme, düsteren Komik des Films. Larry Gopnik ist unfähig zu erkennen, wer ihm seine Lebenskrise eingebrockt hat. Wir sind es nicht. Es hilft uns aber auch nicht weiter.

Aber vielleicht gibt es ja doch einen Hinweis. "Receive with simplicity everything that happens to you" - diesen Leitspruch des großen Rabbi Shlomo Yitzchaki, Rashi genannt, der vor bald tausend Jahren in Frankreich lehrte, stellen die Coens als Tafel dem Film voran. Und daran halten sie sich. Voll Bescheidenheit empfangen sie alles, was die Inspiration ihnen eingibt. Auf dem Weg zur Meisterschaft haben sie gelernt, es nicht mehr zu hinterfragen. Der durch sie spricht, trägt keinen Namen. Aber es muss ein großer Erzähler sein.

A SERIOUS MAN, USA 2009 - Regie, Buch, Produktion, Schnitt: Ethan und Joel Coen. Kamera: Roger Deakins. Musik: Carter Burwell. Mit: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick. Tobis, 106 Minuten.