Im Interview: Yoko Ono Ich stehe auf und bin auf der Welt

"Es ist wichtig, dass Berlin die Welt anlächelt": Yoko Ono, Künstlerin und Witwe John Lennons, über Gewalt, vergiftete Geschenke und die Erinnerung als Material für Kunst.

Von Catrin Lorch

Die Londoner Galerie war fast leer, in der Ecke stand einen Leiter, das Konzept sah vor, dass man hinaufstieg. Ganz oben, direkt auf die Decke geschrieben, stand dann das kurze Wort: "Yes". John Lennon wusste sofort: Diese Künstlerin wollte er kennenlernen, hätte da ein "No" gestanden, nein, kein Interesse. Das war im Jahr 1966 und Yoko Ono war damals in der Fluxus-Szene bereits eine feste Größe. Die im Jahr 1933 in Japan geborene Künstlerin wurde seine Frau und bis zum Tod von John Lennon, der im Jahr 1980 von einem geistig verwirrten Attentäter erschossen wurde, lebte und arbeitet das Paar gemeinsam in New York. Das Werk der Konzeptkünstlerin ist unvorhersehbar und vielfältig, eine der wenigen Konstanten ist ein unwandelbarer Glaube daran, dass Frieden möglich ist und die Welt ein glücklicher Ort sein könnte, schon weil sich der Himmel über dem ganzen Planeten aufspannt. "Between the Sky and my Head" hieß eine Retrospektive in Bielefeld im Jahr 2008. Im vergangenen Jahr wurde sie für ihr Lebenswerk mit einem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig ausgezeichnet. Im Herbst wird Yoko Ono in der Berliner Galerie Haunch of Venison die Einzelausstellung "Das Gift" ausstellen.

"Es scheint, als würden wir gerade viele Geschenke erhalten. Aber in Wirklichkeit sind sie vergiftet.", sagt Yoko Ono. In ihrer Einzelausstellung "Gift", die im Herbst in Berlin stattfindet, will sie erforschen, wie Menschen Gewalt erfahren.

(Foto: dpa)

Zur Vorbereitung ist sie im Sommer nach Deutschland gekommen: Eine schmale, alterslose Dame ganz in Schwarz. Sie trägt eine große Sonnenbrille und eine Schirmkappe und auch weil dieser bohrend aufmerksame Blick zwischen Brillenoberkante und Schirmrand schon so bekannt ist, muss hier erwähnt werden, dass sie ihre Augen mit einem Streifen Silberglitter-Lidschatten eingerahmt hat. Statt fixiert fühlt man sich vom Glamour gefesselt, ihre Lider funkeln und schimmern wie verspiegelte Discokugeln, während sie schnell und präzise antwortet.

SZ: Worum wird es bei Das Gift gehen?

Yoko Ono: Meine Ausstellung soll davon handeln, was in der Welt gerade geschieht. Deswegen habe ich als Titel Das Gift gewählt. Das Wort hat diese interessante Doppelbedeutung wenn man es vom Deutschen ins Englische übersetzt: Gift hat viel mit dem zu tun, was wir heute von der Welt erwarten, was wir bekommen. Diese vielen Dinge - es scheint, als würden wir gerade viele Geschenke erhalten. Aber in Wirklichkeit sind sie vergiftet.

SZ: Wie wird aus dem Gedanken Kunst?

Yoko Ono: Zwei Werke der Ausstellung sind mir besonders wichtig. Sie bedürfen der Mitarbeit des Publikums. Wer möchte, soll Fotos oder Bilder mitbringen, die ausdrücken, wie man Gewalt in seinem Leben erfahren hat. Ein Raum der Ausstellung ist zu Anfang leer, wir sind bereit, dort alles aufzuhängen: Zeichnungen, grausame Bilder, Zeitungsausschnitte. Vielleicht denkt ja jemand, er sei selbst grausam, gewalttätig - alles ist möglich. Die Galerie erstreckt sich über zwei Stockwerke, wer oben an der Treppe ankommt, darf dort sein Lächeln zurücklassen. Wir werden es fotografieren und aufbewahren. Alle "Smiles" werden in die Ausstellung aufgenommen, es ist wichtig, dass Berlin die Welt anlächelt.

SZ: Als Konzeptkünstlerin können Sie ja nicht nur prinzipiell jedes Material verwenden - im Unterschied zu Kollegen tun sie das auch: Seit sie mit dem Buch Grapefruit im Jahr 1964 Ihre Performance-Vorschläge und Konzepte gelistet haben, entstanden auch Installationen, skulpturale Objekte, Happenings oder Filme.

Ono: Es ist wichtig, dass man frei ist zu tun, was ein Werk zu tun einfordert. Am Anfang schrieb ich vor allem Anleitungen für Performances. Ich war selbst als Performerin bekannt geworden. Aber ich habe immer auch andere Arbeiten gemacht. Und wenn ich merkte, dass es Arbeiten gibt, die ich nicht machen kann - weil sie zu teuer waren oder weil ich nicht wusste wie - habe ich sie aufgeschrieben. Aber nach Grapefruit ging es nicht länger darum, diese Arbeiten noch auszuführen. Als es fertig war, war es fertig. In der Ausstellung Das Gift werden auch Filme gezeigt. Und zum ersten Mal werde ich in einem westlichen Kontext die Arbeit A Hole (2009)zeigen, die mit einer Patrone gemacht wurde. A Hole ist das Loch, das entsteht, wenn eine Kugel durch Glas gefeuert wird. Man kann es ansehen wie ein Bild und dann auf die andere Seite der Glasscheibe gehen und es von der anderen Seite betrachten. Wenn jemand auf Dich schießt, sieht es so aus wie die eine Seite, wenn Du auf jemanden schießt, sieht das so aus wie die andere Seite. Gewalt ist eine individuelle Erfahrung und man wird immer auf der einen oder anderen Seite stehen. Ich glaube, das könnte kein anderes Material als Bild leisten: Dass das gleiche Motiv aus einer anderen Perspektive genau zum gegensätzlichen Motiv wird.

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