Im Gespräch: Peter Handke Du mit deinem Jugoslawien

"Die Frage nach der Schuld teilt die Welt": Der Schriftsteller Peter Handke spricht über die Unmöglichkeit von Heimkehr - und erklärt, warum er 1996 zu Besuch bei Kriegsverbrecher Radovan Karadzic war.

Interview: Thomas Steinfeld

Als Ende September "Immer noch Sturm" erschien, Peter Handkes Erinnerungen an seine Kindheit in Kärnten, wurde das Buch überall freundlich besprochen. Überlagert wurde die Rezeption indessen von der Nachricht, der Schriftsteller habe Ende 1996 den Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, besucht, als dieser schon per Haftbefehl gesucht wurde (SZ vom 30. Oktober). Grund genug, nach Erinnerung und Nachricht zu fragen. Das Gespräch fand am vergangenen Wochenende in Peter Handkes Haus bei Paris statt.

SZ: Herr Handke, wenn Sie an Jugoslawien denken, an Ihre frühesten Erfahrungen mit diesem Land, woran denken Sie dann?

Peter Handke: Eher, als dass ich an etwas dächte, zeigen sich mir Erinnerungen: an meine Kindheit, an die Steiner Alpen, wie sie sich hinter der Grenze auftürmen. Ich erinnere mich an eine hohe Linie im Süden, stark und mächtig, an ein Massiv, das mittelalterlich wirkte, auf natürliche Weise romantisch. Ich habe mich nach diesen Bergen gesehnt, aus einer österreichischen Eingeschlossenheit heraus. Kärnten, und vor allem der Süden Kärntens, ist ja Grenzland, und das Deutschtum tritt dort aggressiv auf. Dort gab es, und gibt es noch, eine Naziwut wie selten irgendwo, und die Berge waren wie ein anderes Land, und diese Vorstellung war falsch und fruchtbar zugleich.

SZ: Sie sind dort aufgewachsen, in einer slowenischen Familie, von der man, nicht erst seit "Immer noch Sturm", Ihrem jüngsten Buch, den Eindruck haben kann, sie sei eine Insel gewesen in einer zumindest kulturell anders verfassten Umgebung.

Handke: Der Eindruck ist nicht falsch, diese Familie hatte etwas von einer Insel, auch wenn sie das Bild vielleicht selbst nicht erhob. Der Unterschied entsteht durch Sprachraub, durch den Zwang, Deutsch zu sprechen, durch einen landläufigen Rassismus, durch ein Bedrücken, das ein Anderssein auch verstärkt. Zur Insel gehört aber auch ein Mensch, der davon liebend erzählt, meine Mutter, wie sie von ihren beiden Brüdern berichtet, die im Krieg gefallen sind, auf deutscher Seite, für nichts und wieder nichts.

Einer der beiden, mein Onkel Gregor, war ein überzeugter Jugoslawe. Für mich ist er ein Märtyrer, ein Zeuge. Aber gleichzeitig ist es nicht so, dass da nur die Familie eine große Rolle gespielt hat. Da gab es auch die Religion, die Kirche, und die katholische Kirche ist im Süden Kärntens slowenisch. Sie hat mich gehoben, nicht die Politik, nicht die Zeitung. In meinem Heimatort ist der Pfarrer heute noch ein Slowene.

SZ: Aber da waren doch auch die Jahre, die Sie als Kind in Deutschland verbrachten, da war das Hochdeutsche, das Ihr Großvater nicht dulden wollte, da war auch das Internat.

Handke: Es wurde dadurch nicht einfacher. Es hat lange gebraucht, bis ich eine Ahnung davon erhielt, wo mein Rhythmus ist und wo meine Bilder sind. Das Internat zum Beispiel war eine von Priestern geführte Einrichtung, die Knaben vom Land aufnahm, aus ärmeren Familien, darunter viele Slowenen. Die slowenischen Jungen schlossen sich zusammen und sprachen untereinander slowenisch, und ich kam auch aus einer slowenischen Familie, beherrschte die Sprache aber nicht.

Ich war also noch verinselter, und ich wandte mich dann auch von dieser Welt ab. Das ging lange, bis zu meinem Aufenthalt in Amerika (1978, Anm. der Red.), bis zur "Langsamen Heimkehr" und dem Umzug zurück nach Österreich, nach Salzburg. Und dann war ich nicht mehr so halbherzig wie im Internat, sondern wollte Slowenisch lernen und übersetzte mein erstes Buch aus dieser Sprache, den "Zögling Tjaž" von Florijan Lipuš. Von ihm stammt übrigens ein herrliches Werk, der Roman "Boštjans Flug", 2005 auf Deutsch erschienen, ein außerhalb Sloweniens übergangenes Buch der Weltliteratur.

SZ: Sie nennen das Heimkehr, aber haben Sie das tatsächlich so empfunden, als Rückkehr an einen Ursprungsort?

Handke: Natürlich nicht so. Heimkehr gibt es nur im Buch, sonst nicht. Deswegen habe ich "Immer noch Sturm" ja auch nur so schreiben können, als Hellwachtraum, nicht wie Peter Weiss seine "Ermittlung" schrieb. Die Steiner Alpen, das waren weder die Berge Titos noch die des Königs. Ich sah nur das Land, als freies Land, und natürlich stimmt das nicht, aber es steht da, und so ist es wahrhaftig. Ich kehrte heim in eine Fremde.

Aber es gibt Landschaften, in denen ich mich für eine Weile heimisch fühlen kann, Alaska zum Beispiel, wo die "Langsame Heimkehr" beginnt, so verkommen und verlassen, wie es da manchmal ist. Der Yukon ist herrlich. Und auch in Chaville fühle ich mich manchmal zu Hause, aber weniger in meinem Haus als in einer der Bars am Bahnhof, wenn ich die Züge höre. Das ist dann ein relatives Zuhause, und das richtige bleibt im Buch.

SZ: Bleiben wir bei Immer noch Sturm. Darin spielen die Briefe der Brüder aus dem Krieg eine große Rolle. Sie werden vorgelesen. Und diese Briefe sind ja an ein Zuhause adressiert.

Handke: Ja, Feldpostbriefe gehen nach Hause, Briefe gehen überhaupt oft nach Hause, E-Mails gehen nicht nach Hause. Und wie die Briefe Gregors nach Hause gingen, mit den darin versteckten slowenischen Passagen, die dem Zensor entgingen oder die er nicht bemerken wollte. Ich hatte Grund zu träumen, was da hätte sein können und was da gekommen wäre.

SZ: In Ihrem Buch lassen Sie Gregor, der 1943 auf der Krim fiel, nach Hause zurückkehren und zu einem Partisanen werden, Ihre Tante Ursula ist bei den Partisanen, und auch der Erzähler scheint sich für sie begeistern zu können.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was für Peter Handke ein Fluchtpunkt fürs Schreiben ist.

"Wir führen keinen Krieg"

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