Jeanne Moreau im Interview "Ich habe mich leidenschaftlich ins Leben gestürzt"

Jeanne Moreau: "Hören Sie: Ich bin nicht sentimental."

(Foto: imago/ZUMA Press)

Jeanne Moreau war die Grande Dame des französischen Films. Unser Autor hat sie 2006 getroffen. Und was sie über Leben und Sterben zu sagen hatte, war Ehrfurcht gebietend.

Von Interview von Alexander Gorkow

Jeanne Moreau, französische Filmlegende und Ikone der Nouvelle Vague ist tot. Sie starb im Alter von 89 Jahren in ihrer Wohnung in Paris. Moreau wurde 1928 geboren und galt wahlweise als Muse oder Racheengel der Nouvelle Vague. Sie drehte - unter anderem - mit Orson Welles, Luis Bunuel, Peter Brook, Jean-Luc Godard, Elia Kazan, Michelangelo Antonioni, François Truffaut und Louis Malle. Dabei entstanden prägende Werke der Filmgeschichte, wie "Fahrstuhl zum Schafott", "Jules et Jim" und "Die Nacht". Unser Autor führte dieses Interview im April 2006.

SZ: Madame Moreau ...

Jeanne Moreau: ... die Tür zum Nebenzimmer ist offen. Im Nebenzimmer habe ich eben geraucht. Nun wird gelüftet. Es ist kalt.

Soll ich die Tür schließen?

Es gibt zwei Türen ins Nebenzimmer! Sie schließen die dort drüben, ich schließe die andere. Und anschließend rauchen wir dieses Zimmer hier voll, wir beide.

Man meinte es gut mit Ihnen, deshalb hat man gelüftet, glaube ich.

Man meint es gut mit mir und riskiert meinen Tod. Ich rauche, seit ich denken kann. Und jetzt sterbe ich an einer Lungenentzündung, weil gelüftet wird. Ich meine, es ist ein schöner Tag ... aber noch haben wir ja nicht Sommer.

Madame Moreau, in François Ozons neuem Film spielen Sie eine Großmutter mit einem todkranken Enkel. Der Enkel erzählt nur Ihnen von seiner Krankheit. Mit der Begründung, dass auch Sie nicht mehr lange zu leben hätten ...

... eine bemerkenswerte Szene ...

... sie trifft den Zuschauer nur doppelt: Man sieht da nicht nur eine Großmutter in einem Film. Man sieht eben auch Jeanne Moreau. Vielleicht eine etwas unprofessionelle Sichtweise von mir.

Und worauf wollen Sie hinaus?

Mich hat es getroffen, dass jemand zu Ihnen sagt, Sie hätten nicht mehr lange zu leben. Und sei es im Film.

Hören Sie: Ich bin nicht sentimental. Eine außergewöhnlich starke Szene.

Warum genau?

Der Enkel stirbt, dabei ist er nur 30 Jahre jung. Ich sterbe auch, aber ich bin immerhin alt. Und doch keine typische Großmutter. Sehe ich aus wie die typische Großmutter? Sagen Sie!

Um Himmels willen: Nein!

Natürlich sehe ich nicht aus wie die typische Großmutter! In "Die Zeit, die bleibt" geht es um den Tod. Und darum, dass Leute immer sterben können - oft nicht erst, wenn sie alt sind. Die jungen Leute sterben heute zum Beispiel an Aids, nachdem sie lange krank waren. Wunderbare Freunde von mir sind an Aids gestorben. Andererseits können wir sehr alt werden und dann sterben, ohne vorher krank gewesen zu sein. Der junge Mann in dem Film verzichtet auf eine Chemotherapie und lebt in der Zeit, die ihm bleibt, sagen wir: wie ein Gesunder. Er beschäftigt sich weniger mit seinem nahenden Tod - sondern zum ersten Mal wahrhaftig mit seinem Leben.