Im Gespräch: Ali Mitgutsch "Ich spare nichts aus"

Seit rund vier Jahrzehnten zeichnet Ali Mitgutsch Kinderbücher ohne Worte: ein Gespräch zum 75. Geburtstag über seine Kindheit, geistig träge Eltern und Janoschs Schaueffekte.

Interview: Katharina Riehl

Mehr durch Zufall ist Ali Mitgutsch zum Zeichnen von Kinderbüchern gekommen. Doch seine Wimmelbilderbücher, in denen auf einer Seite unendlich viele Geschichten ohne Worte erzählt werden, sind Kinderbuch-Klassiker geworden. 1969 gewann er für "Rundherum in meiner Stadt" den Deutschen Jugendbuchpreis, mehr als 30 seiner "sich selbst erzählenden Bilderbücher" sind im Ravensburger Verlag erschienen. Ali Mitgutsch lebt in München. An diesem Samstag wird er 75 Jahre alt.

Wie es wimmelt

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sueddeutsche.de: Wird man Kinderbuchautor, weil man eine besonders schöne Kindheit hatte?

Ali Mitgutsch: So allgemein kann man das sicher nicht sagen, ich zumindest hatte eine sehr schlechte Kindheit. Wir waren eine siebenköpfige Familie und es war Krieg.

sueddeutsche.de: Dafür wirken Ihre Bilder aber eher wie eine schöne Kindheitsidylle.

Mitgutsch: Meine Bilder sind nicht idyllisch. Ich will das Schlechte nicht aussparen, will keine heile Welt zeigen, aber eine heilbare. Meine Mutter hat mir früher oft Heiligengeschichten erzählt, die gehen ja immer schlecht aus, weil der Mensch erst einmal sterben muss, bevor er in den Himmel kommen kann. Ich fand es als Kind ganz schrecklich, wenn der Stefanus mit Pfeilen durchbohrt wurde. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass ich meine Mutter durch Betteln dazu bringen kann, die Geschichten gut ausgehen zu lassen. Dann hat sie aus einem Toten einen Scheintoten gemacht.

sueddeutsche.de: Also sollen Ihre Bildergeschichten immer ein versöhnliches Ende haben?

Mitgutsch: Wenn in einem meiner Wimmelbilder oben auf dem Dach ein Einbrecher einsteigt, dann will ich, dass unten ein Kind steht, das den Einbrecher sieht und schon den Telefonhörer in der Hand hat. Und in einem Bild, in dem ein Polizist Kindern hinterher rennt, weil die verbotenerweise über eine Wiese laufen, lasse ich ihn auf einer Bananenschale ausrutschen.

sueddeutsche.de: Beeinflusst hat Ihre Kindheit die Bücher also schon?

Mitgutsch: Ja, sehr. Als wir klein waren, mussten wir immer mit unserer Mutter auf Wallfahrten gehen. Wir wollten das natürlich nicht, die fanden auch immer zu Unzeiten statt, da pfiff der Wind, es war saukalt oder furchtbar heiß. Aber wenn wir angekommen sind, haben wir jeder 20 Pfennig gekriegt, die wir dann natürlich sinnlos verprasst haben. Ich habe all mein Geld in Dioramen von Kriegsversehrten hineingeschmissen. Das sind kleine bewegte Guckkästen, in denen zum Beispiel eine Bäuerin ihre Hühner füttert. Das hat mich immer wahnsinnig fasziniert, diese Bilder, auf denen so viel Verschiedenes drauf war. Und letztlich sind meine Wimmelbilder nichts anderes als zweidimensionale Dioramen.

sueddeutsche.de: Heute gibt es verschiedene Arten von Wimmelbüchern. Berühmt wurde diese Art des Kinderbuches aber durch Sie.

Mitgutsch: Von den pädagogischen Hochschulen wurden die Bücher zunächst als Beispiel dafür verwendet, wie ein Bilderbuch für Kinder genau nicht sein soll.

sueddeutsche.de: Warum?

Mitgutsch: Weil man meinte, die Bilder seien zu verwirrend. Es hieß, ein Kind brauche ein, zwei Figürchen, sonst nichts. Aber mir war immer klar, dass Kinder ein selektives Sehen haben: Sie sehen immer das, was im Moment auf der Pfanne liegt. Es stellte sich heraus, dass die Kinder diese Bücher sehr zu schätzen wissen. Ich treffe oft ergraute Erwachsene, die mir genauestens von Bildern aus meinen Wimmelbüchern erzählen können. Und sie auch ihren Kindern und Enkeln kaufen.

sueddeutsche.de: Aber einen Unterschied gibt es: Sieht man sich die neuen Wimmelbücher an, gibt es jetzt am Rand jeder Seite eine Leiste mit Bildern, die die Kinder im Buch suchen sollen.

Mitgutsch: Früher dachte ich, dass die Bücher stark genug sind, dass man auf genau diese Spiele von selber kommt. Aber anscheinend sind die Eltern heutzutage so erschöpft am Abend, dass ihnen das alleine nicht mehr einfällt.

sueddeutsche.de: Oder ist das der neue pädagogische Impetus, der Wille zur Frühförderung: Kinder sollen nicht nur gucken, sondern auch etwas lernen?

Mitgutsch: Den pädagogischen Impetus gab es schon immer. Meine Bücher sind so gebaut, dass die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern gewahrt bleibt. Dass die Kinder fragen: Schau mal, warum macht der das denn so? Und jetzt ist die Kommunikationshilfe für die geistig trägen Eltern eben an der Seite angebracht.

sueddeutsche.de: Ihr Kinderbuchkollege Janosch hat sich vor ein paar Monaten öffentlichkeitswirksam von seiner Tigerente distanziert. Sind Sie Ihrer Figuren nie überdrüssig geworden?

Mitgutsch: Janosch braucht immer Schaueffekte. Wir waren früher mal befreundet, der erzählt einem teilweise haarsträubende Geschichten, wie er übers Ohr gehauen wurde. Alles nicht wahr, oder höchstens zum Teil.

sueddeutsche.de: Sie hatten also nie genug von den Wimmelbildern?

Mitgutsch: Nein, eigentlich nicht. Klar, mein Stil hat sich über die Jahre geändert, ich mache das jetzt seit 35 Jahren. Seitdem hat sich sehr viel verändert. Wir haben dann auch versucht, ein modernes Stadt- und Landbuch zu machen, weil schon allein die Bagger ja heute ganz anders aussehen. Die neuen Bücher verkaufen sich genauso wie die alten.

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