"Fifty Shades Darker" im Kino Geschwitzt wird nicht beim Sex

Darf nur einen Orgasmus in zwei Stunden Film haben: Ana (Dakota Johnson).

(Foto: Universal)

Diesmal tut's wirklich weh: "Fifty Shades Darker", Film zwei der Sadomaso-Serie, verstört seine Zuschauer auf ganz unerwartete Weise.

Filmkritik von Juliane Liebert

Nein, man hat's nicht leicht als sympathischer Sadist in einem reaktionären Hollywood-Softporno. Schlimmer noch, dem zweiten Teil eines Hollywood-Softpornos. Das bekommt Christian Grey (Jamie Dornan) schnell zu spüren. Das sprichwörtliche Hausfrauenpublikum hat sich an die Fesselspielchen gewöhnt, die Kritiker haben ihr ironisch-spaßiges Pulver verschossen, alle wollen, dass entweder was Aufregendes passiert oder das Ganze doch bitte endlich vorbei ist. Aber es geht weiter.

Im ersten Teil reichten Chris Grey noch seine Kerntugenden: zu dramatischer Musik an Slips riechen; Sex haben, ohne zu schwitzen; Sadomaso ausüben, ohne jemandem wehzutun. Wir erinnern uns: Als er Ana (Dakota Johnson) auf ihre Bitte hin den Hintern versohlte, war sie so schockiert, dass sie ihn sitzen ließ. Dabei hatte er sie gerade erfolgreich in eine SM-Beziehung gequatscht.

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Wer Hintern versohlen will, muss auch heiraten wollen

In Teil zwei werden härtere Geschütze aufgefahren. Wer Hintern versohlen will, muss auch heiraten wollen. Erst mal will Chris-der-traurige-Sadist die Frau aber nur zurück. Darum lädt er sie zum Essen ein. Sie reden. Er: "Ich will dich zurück." Sie: "Nee du, du hast mir auf den Arsch gehauen." Er: "Meine Mutter war eine cracksüchtige Prostituierte, die gestorben ist, als ich vier war." Sie: "Oh, fuck. Na dann ist das natürlich was anderes. Lass uns Sex haben." (Diese Zusammenfassung ist in dieser Form übrigens kaum überzogen, der Dialog findet tatsächlich fast so statt - dies nur, um den Ernst der Lage aufzuzeigen).

Auch ernst ist es dem Film damit zu betonen, wie unglaublich reich Christian ist. Anas Chef will sie aufreißen? Chris-der-traurige-Sadist kauft ihre Firma. Ana zerreißt einen 24 000-Dollar-Scheck? Chris-der-traurige-Sadist lässt ihr einen neuen ausstellen. Ana erwähnt die Erderwärmung? Chris-der-traurige-Sadist kauft ihr die Erde. Er ist nämlich eigentlich gar kein Sadist, er ist nur traurig, und er hat ein Problem mit Sex. Das zeigt sich nicht nur daran, dass er beim Sex nicht schwitzt, ihm hat auch (soweit man das im Film sehen kann) niemand je erklärt, wie Cunnilingus geht. In "Fifty Shades Darker" geht Cunnilingus so: Chris küsst Ana, Ana wirft sich in Ekstase zurück, Chris' Kopf fährt langsam ihren Körper herab, Ana wirft sich in Ekstase zurück, seine Lippen nähern sich ihrem Bauch - ihrem Bauchnabel -, machen bei ihrem Bauchnabel halt - "nein", will man ihm zurufen, "das ist erst ihr Bauchnabel! Du musst ... also ... ". Aber man hat Angst, ihn zu sehr zu verstören, also leckt er zwei Filmminuten ihren Bauchnabel aus, sie wirft sich in Ekstase zurück, kommt. (Leider nur einmal in zwei Stunden. Trauriger Smiley.) Man merkt beiden an, dass sie spüren, dass irgendwas an der Sache nicht richtig ist. Aber sie kommen einfach nicht darauf, was. So traurig.

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Was hat diese Ana eigentlich für ein Problem?

Es gibt nur eine Rettung für Chris-den-traurigen-Sadisten. Eine feste Beziehung und dann Heirat. Warum? Na, wir hätten am Anfang des Films beinahe gesehen, wie sein Vater ihn damals geschlagen hat. Aber bei so was will ja nun wirklich niemand zuschauen, deshalb kam Gott sei Dank ein Schnitt auf weiße Rosenblätter. Wegen des Schlagens hat Chris all diese Probleme, nicht nur mit Cunnilingus, er denkt auch, eine Frau erobert man, indem man sie möglichst schnell in möglichst spektakulären Transportmitteln chauffiert. Im ersten Teil waren das ein Privathubschrauber und ein Gleitflugzeug, im zweiten Teil ist es eine Yacht. In Teil drei kann es nur noch ein Raumschiff sein, und wenn sie dann noch nicht geheiratet haben, ist Chris am Ende mit seinem Latein.

Dafür hat er Muskeln. Welche vernunftbegabte Frau würde zu einem wirklich sehr, sehr reichen, sehr, sehr attraktiven Multibillionär mit Muskeln Nein sagen? Was hat diese Ana eigentlich für ein Problem? Irgendwas stimmt nicht mit der. Sie kriegt keine blauen Flecken, wenn man sie schlägt, und sie kommt, wenn man ihren Bauchnabel leckt. Es ist verstörend.

Schon Nietzsche (und der kannte sich bekanntlich mit Frauen und Peitschen aus) sagte: "Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch - ein Seil über einem Abgrunde." Hier wurde dieses Seil zum vorsichtigen Fesseln einer Brünetten in durchsichtiger Unterwäsche verwendet, das Tier und der Übermensch aber sitzen einsam und verstoßen auf je ihrer Seite der Geschichte, und zwischen ihnen klafft nichts als dieser Film: ein Abgrund.

Fifty Shades Darker, USA 2017 - Regie: James Foley, Buch: Niall Leonard. Mit Dakota Johnson, Jamie Dornan, Hugh Dancy. Universal, 118 Min.

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