Hochhäuser für die Oberschicht Wer darf noch in der Stadt wohnen

Die neuen Hochhäuser sind allein für die Oberschicht: Eine Computersimulation der Architekten Herzog & de Meuron zeigt die "Tour Triangle" in Paris, auch "Tour Pyramide" genannt

(Foto: AP)

In Paris, London oder Berlin regt sich heftiger Widerstand gegen neue Hochhäuser. Und das mit guten Gründen.

Kommentar von Laura Weißmüller

Der urbane Traum der Moderne hat gerade einen schweren Stand. Egal ob Paris, London oder Berlin - weltweit regt sich heftiger Widerstand gegen neue Hochhäuser. In Paris hat der Stadtrat diese Woche die "Tour Pyramide" durchfallen lassen, einen dreieckigen 180 Meter hohen Wolkenkratzer aus Glas. Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron hatte ihn für einen Privatinvestor entworfen. Die Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die hinter dem Projekt im Südwesten der Stadt steht, will nun gegen das Votum klagen.

Auch in London hat man langsam die Begeisterung des Bürgermeisters für Wolkenkratzer satt. In seiner Amtszeit hat Boris Johnson bereits etwa 200 Hochhäusern eine Baugenehmigung erteilt. Zum Vergleich: Sein Vorgänger kam noch mit rund 20 aus.

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Berlin bekam seine Hochhaus-Debatte Anfang des Jahres von Stararchitekt Frank Gehry serviert. Für einen Investor entwarf er einen ungelenken Turm, der bald am Alexanderplatz 150 Meter in die Höhe ragen soll.+

Schatten von sehr viel Stahl, Glas und Beton

Hauptargument gegen das hohe Bauen, das so gut wie alle Architekten der Moderne geradezu elektrisiert hat - man denke nur an Le Corbusiers "Plan Voisin" für Paris -, ist oft die Sorge um die historische Stadtsilhouette. Ohne Zweifel: Die City of London wird in ein paar Jahren anders aussehen im Schatten von sehr viel Stahl, Glas und Beton.

Doch nicht nur die Skyline wird sich verändern - auch das Leben in der Stadt wird ein anderes sein. Und genau das ist die wirkliche Gefahr dieser neuen Luft(t)räume. Denn egal wohin man schaut, die Hochhäuser kennen nur eine Zielgruppe: die Oberschicht.

Luxus steht bei ihnen so fest im Bauplan wie die Höhenmeter oder die Grundrisse der gerne mal mehrere Hundert Quadratmeter großen Apartments. Weil Bauen ab einer gewissen Höhe immer teuer ist. Die Kosten etwa für Sanitäranlagen steigen exponentiell mit jedem Höhenmeter. Aber auch, weil sich die Hochhäuser aktuell im Luxussegment so gut vermarkten lassen. Vorbei die Zeiten, als sie mit Sozialtristesse, mit gestapelten Unterschichtsbehausungen und architektonischen Schauermärchen à la Märkischem Viertel assoziiert wurden.

Luxustürme wollen mit den Bewohnern ihrer Stadt nichts zu tun haben

Vorbei aber auch die Zeiten, als mit Wohnhochhäusern moderner Lebensraum für alle geschaffen werden sollte. Namen wie "Marco Polo Tower" und "The Seven" klingen nicht nur elitär, die Luxustürme in Hamburg und München wollen auch mit den meisten Bewohnern ihrer Stadt nichts zu tun haben.

Im Herzen der Metropolen entstehen so immer mehr Flächen, die sich aus dem urbanen Netzwerk losgelöst haben. Die Aussicht aus den neuen Hochhäusern mag fantastisch sein, die Bodenperspektive ist es nicht. Schwarze Löcher für einen Großteil der Bevölkerung.

Sinnbild für den Ausverkauf der Stadt

Das Versprechen, solche Projekte würden den überhitzten Wohnungsmarkt entspannen, klingt da wie Hohn. Erstens, weil sich nur wenige Großverdiener diese leisten können. Den Kampf um bezahlbaren Wohnraum wird das nicht mildern. Und zweitens, weil viele dieser Luxusquartiere die meiste Zeit leer stehen - ihre Eigentümer kommen, wenn überhaupt, nur alle paar Monate mal vorbei, oder sie besitzen die Wohnung sowieso nur als Geldanlage. Gelebt wird dann woanders.

Damit sind die neuen Hochhäuser zum Sinnbild für den Ausverkauf der Stadt geworden, für die Neoliberalisierung des Wohnens, für die Verdrängung ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem Zentrum. Der Streit um Silhouette, Höhenmeter und Fassadengestaltung wirkt da wie eine Scheindebatte. In Wahrheit geht es darum, wer in Zukunft in der Stadt noch wohnen darf.