Historikertag Geschichte wird gemacht

Inszenierung statt Lauf der Zeit: Propagandabild vom Aufmarsch der Nazis auf dem Münchner Königsplatz am 9. November 1936.

(Foto: SZ Photo/Scherl)

Beim Historikertag, dem größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas, trafen sich Historiker, um ihre Arbeit sowie ihre Rolle in der Bildung und der Welt zu debattieren.

Von Rudolf Neumaier

Professor Ishwar Sharan Vishwakarma zählte zu den auffälligeren Gestalten beim 51. Deutschen Historikertag in Hamburg. Er trug einen Anzug, der an eine Uniform erinnerte und redete so unverständlich, dass selbst der im indisch akzentuierten Englisch geübtere Teil des Auditoriums die Stirn runzelte.

Wäre Ishwar Sharan Vishwakarma verstanden worden, hätte er wahrscheinlich für einen großen Eklat gesorgt, sagte ein deutscher Professor später. Vishwakarma ist einer der neuen Staatshistoriker der national-hinduistischen Regierung Indiens. Die hat ihn zu einem der Männer befördert, die über Inhalte des Geschichtsunterrichts entscheiden - und zwar linientreu. Glaubt man Vishwakarmas deutschen Kollegen, die seinen plötzlichen Aufstieg verfolgten, dann ist er so intellektuell wie ein steirischer Kreisheimatpfleger, der Lederhose trägt und FPÖ wählt.

Zweifellos war er ein Fremdkörper auf dem Historikertag. Und andererseits ein gutes Beispiel für instrumentalisierte Geschichte. Indien, das Gastland des Historikertages, mag fern sein. Doch längst ziehen Politiker, die den Kanon der Geisteswissenschaften oktroyieren wollen, in europäische Regierungen ein und in deutsche Parlamente. Stand nicht in einem AfD-Programm, die guten Zeiten der deutschen Geschichte gehörten wieder ins Licht gerückt?

Wissenschaft lässt sich aber auch manipulieren und instrumentalisieren

In Deutschland werden die Lehrpläne für den Geschichtsunterricht noch nicht umgeschrieben. Aber sie werden gekürzt. Mit peinlichen Folgen. In den Kaffeepausen des Historikertages erzählten sich Gelehrte, sie hätten manchmal mit Studenten zu tun, die Napoleon für eine Käsesorte halten. Das lässt Schlimmes vermuten.

Wenn schon in den Gymnasien kein historisches Basiswissen mehr vermittelt wird, wie wenig wissen dann Real- und Mittelschüler über Luther, Bismarck und Hitler? Wird ein junger Mensch, der beim Begriff Ständegesellschaft auf Imbissbuden tippt und den Tyrannen Peisistratos nur von der Speisekarte des Griechen nebenan kennt, die Demokratie verfechten?

Der Historikertag fühlte sich genötigt, eine Resolution gegen die Kürzung von Geschichtsunterricht zu verabschieden mit der einleitenden Mahnung: "Angesichts der aktuellen politischen, ökonomischen und sozialen Verwerfungen auf nationaler, europäischer und globaler Ebene muss eine Gegenwartsorientierung auf breiten historischen Bezügen, Vergleichen und Reflexionen beruhen."

Das zeigt, wie Historiker das Geschichts- und Problembewusstsein in den Bildungsministerien der Länder benoten: mangelhaft. Es beschreibt aber gleichzeitig, dass der Historikerverband VHD sich in der Rolle eines Lotsen sieht. Die Geschichte hat einen schweren Stand und gleichzeitig ist sie populär wie kaum jemals zuvor. Abgesehen von der Ignoranz der Lehrplan-Konstrukteure in den Schulministerien erfreuen sich die Historiker größter Nachfrage.

An gut sortierten Zeitungskiosken liegen ein halbes Dutzend und mehr Geschichtszeitschriften aus. An vielen Unis ist die Geschichte das gefragteste geisteswissenschaftliche Fach. Auch der Historikerverband selbst meldet beste Konjunktur. 3000 Mitglieder, so viele wie heute, hatte er nie zuvor in seiner 130-jährigen Geschichte. Und seine Tagungsbiennale, der Historikertag, gilt mit 3800 Teilnehmern als das größte geisteswissenschaftliche Fachsymposium in Europa. Historikertags-Diskussionen werden fürs Fernsehen aufgezeichnet. Und nach der Kanzlerin im Jahr 2010 und dem Bundespräsidenten beim letzten Mal sprach in Hamburg zum Auftakt der Außenminister.

Historiker Fritz Stern ist tot

Er war einer der profiliertesten Geschichtswissenschaftler. Zuletzt warnte er vor einem "neuen Zeitalter der Angst". Nun ist Fritz Stern im Alter von 90 Jahren gestorben. mehr ...

Der letzte Geschäftsbericht des Münchner Osteuropa-Historikers Martin Schulze Wessel als turnusgemäß scheidender Verbandsvorsitzender formulierte einen Auftrag: "Wir als Historiker müssen Akzente setzen - nicht nur aus fachpolitischen, sondern auch aus politischen Interessen." Er appellierte an die Verantwortung seiner Kollegen als Lotsen der Gesellschaft.

Als seine Nachfolgerin wählten die VHD-Mitglieder erstmals eine Frau. Für die nächsten vier Jahre wird Eva Schlotheuber, 56, den Verband leiten. Sie lehrt Mittelalterliche Geschichte in Düsseldorf, einer für die Geschichtswissenschaft bislang nicht allzu bedeutenden Universität.

Eine VHD-Versammlung erinnert phasenweise an eine studentische Fachschaftssitzung, nur dominieren eben deutlich die ergrauten Mitglieder. Krawattenträger sind in der Minderheit, der Rucksack ist neben der Ledertasche das gängigste Tagungsbehältnis. Als Schlotheubers Ergebnis durchgegeben wird (214 Ja- und 30 Nein-Stimmen), raunt ein Prof. Dr., die Zahlen spiegelten ziemlich genau die Verhältnisse im Verband. Es gebe eine recht kleine Gruppe konservativer Kollegen, der Rest zähle zum linksliberalen Spektrum.

Die Einschätzung deckt sich mit dem Resultat einer für den Historikerverband unüblichen Kampfabstimmung um einen Ausschussposten. Der Mainzer Andreas Rödder, vor einem halben Jahr Schattenminister der rheinland-pfälzischen CDU-Kandidatin Julia Klöckner, unterliegt seinem Kontrahenten mit 34:232.

Die Gelehrten beobachten einander genau und ahnden Fehler mit Kritik

Die Wahl von Eva Schlotheuber ist als Statement zu verstehen, das sagt: Wir trauen Historikern gleich welcher Disziplin zu, dass sie Akzente setzen in aktuellen Debatten, auch Mediävistinnen, die sich mit den Lebenswelten mittelalterlicher Klosterschwestern und Herrschaftskonzepten des 14. Jahrhunderts beschäftigen. Die neue Chefin sagt, sie wolle die Chance wahrnehmen, nun auch wieder Themen der Vormoderne ins Bewusstsein zu rücken. Warum nicht? Im Mittelalter wurden viele Syrien-Konflikte gelöst.

Auch wenn ihre Kollegen aus den anderen Epochen Substanzielles zu sagen hätten über den Menschen und sein Streben nach Macht, Zufriedenheit, Ruhm, Freiheit, Erkenntnis: In den Fernsehtalkshows wie auch beim Historikertag selbst haben bis auf Weiteres die Zeithistoriker die stärkste Nachfrage. Treffen sich Andreas Wirsching, der Chef des Instituts für Zeitgeschichte in München, und der Freiburger Ulrich Herbert auf einem Podium, um über Hitler zu reden, muss man hoffen, dass kein Feuerwehrmann vorbeikommt und die Veranstaltung wegen Sicherheitsbedenken beendet, weil sich auf den Stufen die Zuhörer stapeln und weil Ulrich Herbert gern die Atmosphäre anfacht.

Die Edition von Hitlers "Mein Kampf" sei unsäglich, sie komme "als etwas Heiliges daher wie ein Altarbuch", Einleitung und Kommentare hätten einen "volkspädagogischen" und "geradezu lächerlichen" Ton. Auf einen solchen Aufschlag hat das Publikum gewartet, und Wirsching, der darauf gefasst war, parierte ihn in seiner gewohnt ruhigen Art. Die einen Vorwürfe seien "eine extreme Verkürzung", die anderen "absurd". Über die Anmutung lasse sich streiten. Ein Sieger ging aus der Diskussion nicht hervor. Sie lieferte jedoch die beruhigende Erkenntnis, dass man sich um die Selbstreinigungskraft der historischen Zunft keine Sorgen machen muss: Die Gelehrten beobachten einander genau und ahnden Fehler mit Kritik.

Wie es aussieht, ist die Hitler-Wissenschaft noch lange nicht am Ende, auch wenn der Moderator, FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, seine Runde fragte, ob man diesen Mann denn nicht endgültig "wegforschen" könne. Genauso müsste man dann fragen, ob die Beschäftigung mit antiken Kaisern noch Sinn ergibt. So gesehen wäre ein Großteil der Geschichte irgendwann abzuhaken. Doch sie lässt sich immer wieder neu diskutieren und politisieren - und manipulieren, wie es die Inder exerzieren. Dort fördert die Regierung nun Historiker, die in der Geschichte der Nationalhinduisten beschämende Verbindungen mit den Kolonialherren großzügig ausblenden.

Dabei gibt es so viel Neues aus der Vergangenheit zu berichten. Eine der besten Geschichten erzählte die Tübinger Frühneuzeit-Professorin Renate Dürr: In der Weltchronik eines Grazer Jesuiten aus dem 18. Jahrhundert hat sie eine Sensation entdeckt. Der Theologe berechnete, dass Adam ein Chinese war. Geschichte ist also immer wieder neu zu schreiben.

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