Helene Hegemann: 18. Geburtstag Anything Ghost

Fremdscham und Kotzimpuls: Zu Helene Hegemanns 18. Geburtstag quetschen sich Kastenbrillenleichen, Muskelglatzen und Leitmedienhengste zwischen 30.000 rosarote Luftballons.

Von Gustav Seibt

Okay, da muss man jetzt durch. Schätzungsweise 2000 Inhaber eines VIP-Listen-Eintrags drängeln sich am Eingang des Berliner Techno-Clubs "Tresor" vor einer rostigen Stahlblechtür, die nicht die geringsten Anstalten macht, sich zu öffnen. Aus der beleuchteten Luke lugen in Augenhöhe infernalisch lächelnde Kastenbrillenträgerinnen. Das Gehege ihrer Zähne ist hinter grell rot geschminkten Lippen in leichenhaft bepuderten Faces eingesperrt. Hinter mir quetscht sich eine aus ihren zu engen Klamotten quillende, bebrillte Frau mit kurzen schwarzen Haaren an mich, die in diesem Augenblick der hässlichste Mensch zu sein scheint, den ich je gesehen habe. Dunkles Geheimnis Heterosexualität, ich könnte kotzen.

Im Rahmen des größten Literaturbetrugsskandals, seit die Evangelisten die Existenz Jesu Christi fingiert haben, findet in dieser Nacht der "Book-Release" von "Axolotl Roadkill" als Birthday-Party zur Volljährigwerdung des Ghosts "Mifti" statt, der nach der trashigen B-Movie-Seelenwanderung durch Georg Büchner über Bertolt Brecht und Thomas Mann endlich den Astralleib von Helene Hegemann besetzt hat. Die mindestens 25 fatal lächelnden Kastenbrillenleichen der Ullstein-Verlagsgruppe haben mit Hilfe von ebenso vielen geleasten Muskelglatzen vom schwulen Hardcore-Porno-Produzenten "Spermasprizz" im tiefer gelegten Dance-Floor eine Birthday-Deko aufgebaut, die vor allem aus 30000 rosafarbenen Lufballons und rosaroten Kuschelecken besteht. Gefickt wird erst mal nicht.

Herausgemeißelte Falten

Dafür verteilen eine Schwuchtel mit Drei-Tage-Bart sowie ein Helene-Hegemann-Double Zuckerwatte an die durch einen langen stroboskopblitzerleuchten Betongang reintröpfelnden VIPs und Groupies, was so was von megapeinlich rüberkommt, dass mir vor Fremdscham schon wieder die Coolness in den Gedärmen wühlt. Damit bin ich über den Kotzimpuls endlich weg. Erstmal ist wenig los, ich talke so Rainald-Goetz-mäßig mit einer Jurorin des Leipziger Bookerpreises, die den Mifti-Ghost auf die Short-List gedrückt hat. Die Jurorin nippt vergifteten Weißwein, ihr Mann guckt, als könnte er Ritalin gebrauchen, die anderen schlabbern Flaschenbier, klebrige Beats flashen aus den Boxen.

Ich lege mich mit meinem Stecher in die rosarote Kuschelecke, die Jurorin fragt, ob wir verheiratet sind. Endlich füllt sich der Raum mit den heterosexuellen Leitmedienhengsten, ihren fürs halogenisierte Licht verkehrt geschminkten Assistentinnen und den fanatisierten Literaturkritikerinnen, deren Falten von der Beleuchtung herausgemeißelt werden, weil ihnen die Kastenbrillenträgerinnen von Ullstein verschwiegen haben, dass man sich auf solchen Themenpartys besser mit drei Zentimeter Puder zuschmiert.

Siv Bublitz, die kastenbrillentragende Chefin der Kastenbrillenamazonen, die gekleidet sind wie die Angestellten eines alternativen Beerdigungsinstituts im Gothic-Style, nur dass sie ihre rosaroten Verlagsfolder immer genauso an ihre Brüste pressen wie die Literaturagentin in dem Mainstream-Film "Lila, Lila", fängt eine in jeder Hinsicht durchhängende Propaganda-Rede an.

Der DJ von "Spermasprizz" sorgt für tadellose Akustik. Interessant ist einzig und allein, dass sie sagt, vor über einem Jahr seien ihr "80 Seiten" von einer Literaturagentin angeboten worden, die sie sofort in ihrem Sessel hätten "stehen" lassen. Die Agentin wird darauf von sämtlichen Anwesenden an ihrem gequälten Lächeln erkannt. Okay, und die anderen 120 Seiten von "Axolotl Roadkill"? Die Frage schwebt offenbar nicht mal richtig im Raum.

Echt berührend

Jetzt geht plötzlich alles sehr schnell. Von den 5000 Anwesenden singen genau zweieinhalb "Happy Birthday" und dann fangen zwei Miftis - Helene und ihr Astraldouble - mit spitzen Girlie-Mündern hinter zuckerwattesüßen Haarvorhängen mit einer Lesung aus dem Geburtstagsbuch an, die von den "Spermasprizz"-Pornotypen am Mischpult so krass ausgesteuert wird, dass garantiert kein einziger ein einziges Wort versteht. Das Weinen ist nicht an eine bestimmte Emotion gebunden, kommt aber beispielsweise häufig bei Angst, Melancholie und Aggressionen vor (hierzu many thanks an "Wikipedia"). Ich kann mich grad nicht entscheiden, aus welchem Grund ich weinen muss. Vielleicht ja nur, weil diese irrsinnig streng-mütterliche Jurorin neben mir aus unerfindlichen Gründen das Feld geräumt hat.

Ich hab mir hinterher sagen lassen, dass Helene und ihr best Girlfriend aus dem Email-Wechsel von Mifti mit der HIV-positiven Ophelia gelesen haben, danach diesen echt berührenden family-haften Schulausflug ins KZ-Sachsenhausen. Aber da war mein Brain schon wieder Helene-frei und hieß wie gewohnt.

Seins oder nicht seins?

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