Georg Schramm - Deutschlands erster Wutbürger "In die Ecke gespielt"

"Ein Dieter Nuhr für Arme" - Das wäre die Höchststrafe für Lothar Dombrowski, Georg Schramms berühmtesten Bühnen-Alter-Ego.

(Foto: dpa)

Turbo-Kapitalismus, Pflegenotstand, Duckmäusertum: Georg Schramm ist der zornigste Widerstandskämpfer des deutschen Kabaretts. Nun will er aufhören. Daran ist ausgerechnet sein berühmtestes Bühnen-Alter-Ego Lothar Dombrowski schuld.

Von Thomas Becker

Geht nicht gut los. Als der Kaffee auf dem Tisch steht, streikt das Aufnahmegerät. Der Klassiker. Wenigstens Georg Schramm bleibt ruhig und zaubert zwei Batterien aus der Tasche. "Hab' ich seit Jahren dabei. Nie gebraucht." Klar, einer wie der läuft nicht auf Batterie.

Nun dreht Georg Schramm sich selbst den Saft ab: Am Sonntag endet in der Chemnitzer Stadthalle die Kabarett-Karriere des Meisters der Empörung, des zornigsten Widerstandskämpfers gegen Turbo-Kapitalismus, Pflegenotstand und Duckmäusertum. Wehklagen landauf, landab, dass die moralische Instanz verstummen will. Schramm ist des Formulierens überdrüssig: "Es ist alles gesagt. Laut Humboldt hat jeder die Verpflichtung, aus seinen Gaben das Beste zu machen. Ich habe meine Bringschuld zum Großteil abgetragen und sehne mich nach einem Stück Verantwortungslosigkeit."

Im März ist Schramm 65 geworden. Er hatte angekündigt, nach fast dreißig Jahren kein Solo-Kabarett mehr zu spielen und ging mit Urban Priol, Jochen Malms-heimer und dem Programm "Letzte Gardine - eine Lederhand packt ein" auf Abschiedstour. Schramm wird Gelegenheitskabarettist, ein paar Reden, Laudationes. So wie ganz am Anfang, beim Schäferhundverein Markelfingen.

Über allen Gipfeln ist Wut

Mit geschliffener Rhetorik und demonstrativem Zorn wiegelt Georg Schramm in seinem Solo-Programm das Publikum auf. Die Vorstellungen sind ausverkauft, die Leute gieren nach dem Kabarettisten, seit er nicht mehr im TV zu sehen ist. Sein Auftritt zeigt, warum Schramm so sehr fehlt. Von Ruth Schneeberger, Berlin mehr ...

Die Höchstrafe: "Ein Dieter Nuhr für Arme"

Damals arbeitete er noch als Psychologe in einer Neurologischen Klinik, hielt eine Laudatio auf einen Kollegen und bekam vom Fleck weg ein Auftrittsangebot. Von da an war es nicht mehr weit zu Lothar Dombrowski, seines berühmtesten Bühnen-Alter-Egos, einem chronisch renitenten Weltkriegsveteranen. Und dieser Dombrowski, der Schramm groß gemacht hat, trägt nun die Schuld am aus Fansicht viel zu frühen Ende.

Gut drei Jahre hat Schramm seine sieben Solo-Programme jeweils gespielt: "Das war immer ermüdend, aber diesmal war es grundsätzlicher. Ich hatte das Gefühl, dass Dombrowski sich in die Ecke gespielt hat und da nicht mehr rauskommt. Er war schon im Programm davor ziemlich fertig, hatte schon den Revolver in der Hand, und jetzt geht gar nichts mehr! Man müsste sehr bizarre dramaturgische Einfälle aktivieren, um ihn weiterexistieren zu lassen. Ich kann ihn ja nicht einfach gesunden lassen."

Das wäre die Höchststrafe: "Wenn er sich über nichts mehr aufregt, alles relativiert. Ein Dieter Nuhr für Arme." Schramm hat das mit Regisseur Rainer Pause mal skizziert: Dombrowski wird straffällig, dreht durch, kommt in die Klapse, kriegt eine Therapie und ruht danach in sich. "Und dann Saallicht an und zur Diskussion laden! Hab' ich mal in meinem ersten Programm gemacht - so lange, dass sie mich von der Bühne geholt haben."