Nach dem Krieg trat er in den diplomatischen Dienst ein, wirkte als Botschafter in verschiedenen Hauptstädten und setzte sich in späteren Jahren für die Unabhängigkeit Algeriens, die europäische Einigung, den Umweltschutz und für Immigranten ein. Kurzum, hier spricht nicht irgendein Idealist, sondern ein Zeitzeuge biblischen Alters, ein Befreier des eigenen Landes und späterer Spitzendiplomat, ja eine Art Demiurg unserer Weltverfassung: Hessel war 1948 einer der zwölf Autoren der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte,
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In seinem Pamphlet nun schließt er die aktuelle Situation gleich doppelt an sein Wirken in der Résistance an. Zum einen behauptet er implizit, der französische Sozialstaat sei aus den Idealen der Résistance erwachsen, wenn er schreibt: "Das gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Résistance ist heute in Gefahr." Vor allem aber schließt er über den Begriff der "Indignation" den Kampf gegen den Nationalsozialismus mit der Empörung über die politische Gesamtgemengelage kurz, ja er sagt: "Ich wünsche Ihnen allen, jedem von Ihnen, ein Motiv für die Empörung. Das ist wertvoll. Wenn Sie etwas derart empört, wie mich seinerzeit der Nazismus empört hat, dann wird man militant, stark und engagiert."
Die Empörung ist in diesem Text eine Art sittliche Wirbelsäule, ähnlich wie in Flauberts Sätzen: "Was mich aufrecht hält, ist einzig und allein die Empörung! Für mich ist die Empörung das, was der Stock bei den Puppen ist, der Stock, den sie im Hintern haben und der sie aufrecht hält. Wenn ich nicht mehr empört wäre, dann würde ich flach fallen!"Nun ist Empörung ein Gefühl, eine Art Gerechtigkeitszorn, das brennende und oft ja auch narzisstisch merkwürdig prickelnde Gefühl im Unrecht zu sein, meist verbunden mit dem drängenden Wunsch, etwas zu ändern, sich zu engagieren. Die Frage ist, ob ein Gefühl als Programm ausreicht.
Die panoramatische Allzuständigkeit, die fast schon diffuse Rundumempörung dieses Aufrufs spiegelt sich in einer ganz und gar wohlmeinenden Aktion von Le Monde wider. Die Zeitung räumte in ihrer Silvesterausgabe zwei ganze Seiten frei, auf denen bekannte Zeitgenossen jeweils kundtun sollten, worüber sie sich im vergangenen Jahr ganz besonders empört hatten.
Das ergab erwartungsgemäß ein buntes Potpourri: Die dreisten Lügen der Banker, das autistische Gebaren der Regierung Sarkozy, die Hetzjagd auf die Roma, Ungerechtigkeiten gegen Frauen. Nur der Neuropsychiater Boris Cyrulnik machte nicht mit bei dem Spiel, ja er entzog der ganzen Aktion den Boden in seiner Antwort: "Ich hege eine geradezu zärtliche Bewunderung für Stéphane Hessel, mit dem ich in vielen Punkten übereinstimme, aber ich empöre mich darüber, dass man uns bittet, uns zu empören, denn die Empörung ist der erste Schritt des blinden Engagements. Man sollte uns dazu auffordern nachzudenken, und nicht dazu, uns zu empören."
Wahrscheinlich ist es aber gerade das Passepartouthafte des Textes, das ihm zu dem riesigen Erfolg in Frankreich verhilft: Wenn es nur um den psychischen Aggregatszustand der Empörung geht, kann ab sofort jeder diesen Text als goldenen Rahmen um seine Unzufriedenheit hängen. Und unzufrieden sind die Franzosen länger schon. Es ist bekannt, dass in keinem anderen europäischen Land ähnlich viele Antidepressiva genommen werden wie hier. Als aber eine Gallup-Umfrage unter 64.000 Bürgern in 53 Ländern vor einigen Tagen zutage brachte, dass die Franzosen die pessimistischsten Menschen auf diesem Planeten sind, dass sie die Zukunft also noch schwärzer als die Menschen in Afghanistan, Pakistan oder Nigeria sehen, waren die Gallup-Forscher selbst überrascht.
Die Autoren der Studie erklärten sich die pessimistische Grundeinstellung ihrer Landsleute vor allem mit dem kollektiven Gefühl, vom Staat alleingelassen zu werden. Nirgends sonst sei der Gedanke des Wohlfahrtsstaates so wichtig wie hier, jetzt aber löse sich der Sozialstaat langsam auf. Hessels Text erschien justament an dem Tag, an dem die hochumstrittene Rentenreform beschlossen wurde.
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(SZ vom 12.01.2011/kelm/rus)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Ich persönlich komme am besten ins Nachdenken, wenn mich etwas interessiert - und am zweitbesten, wenn mich etwas stört und ich diese verstehen oder ändern will. Ich kenne diese weitgehende Spaltung zwischen Gefühl und Denken nicht und halte diese auch nicht für erstrebenswert. Insofern zielt Ihr Beitrag aus meiner Sicht eben in die falsche, für mich - unabhängig von der politischen Richtung - langweilige Richtung dieses Artikels, der für mich sowohl Gefühl als auch Denken verweigert und sich mit Worthülsen und vagen Andeutungen zufrieden gibt.
Dennoch: Herzlichen Glückwunsch, dass Sie für sich etwas geschaffen haben, was Ihnen gut tut. Und zugleich hoffe ich, dass Sie die damit verbundenen Privilegien und Möglichkeiten auch nutzen, sich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der auch Kinder aus armen Verhältnissen gute Bildungschancen haben, wovon wir weit entfernt sind. Dass Sie über die persönliche Situation hinaus auch Gedanken machen, wie es anderen sowie unseren Lebensgrundlagen geht und wo bestimmte Entwicklungen hinführen, wenn diese ungesteuert bei weiter wachsender Menschenzahl so weiter gehen und welche Lebensqualität da auch für andere Menschen daraus resultiert. usw.
Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie vermeiden würden, dabei diejenigen Franzosen, die sich nicht alles gefallen lassen, pauschal in einen (ziemlich abwertenden) "Topf" zu werfen. Würden Sie sich tatsächlich mit den französischen Verhältnisssen befassen, würden Sie zwangsläufig feststellen müssen, dass es da in verschiedensten Bereichen (Musik, Kunst, Politik, Wirtschaft, Bürgerbewegungen, etc.) sehr vielfältige Ansätze und Bewegungen gibt.
Deswegen als Versöhnungsangebot hier der Link auf ein Video von Kery James (mit englischen Untertiteln), einem inzwischen sehr bekannten französischen Musiker, der mit diesem Lied Menschen aus den Banlieus ermutigt, ihren eigenen erfolgreichen Weg in der Gesellschaft intensiv zu suchen - was vielleicht nicht so weit von dem entfernt sein dürfte, was Sie beschreiben: http://www.youtube.com/watch?v=4ZO_n7rE-Rc
Alles Gute und einen schönen Abend noch!
Der zentralste und wichtigste Satz in diesem Artikel kommt von einem kritischen Zeitgenossen und wird deswegen von unserer dauernörgelnden Linken leider weggefegt und ganz schnell unter "Böse" verbucht...
Nachdenken, dass solltet ihr alle mal tun - wofür ihr seid und nicht nur ständig wogegen, was denn wirklich eure Situation bedingt hat und nicht nur die Schuld bei anderen und dem "System" suchen...
Irgendwie erinnert ihr mich immer wieder an Borderline-Patienten, es gibt eine ganz klare schematische ja beinahe zwanghafte Einordnung in "Gut" und "Böse" und wenn etwas das Prädikat "Böse" erhalten hat wird es von jetzt auf gleich verteufelt und mindestens mit dem Schlimmsten gleichgesetzt. Ein Fehltritt, eine "falsche" Aussage, einmal Kritik an der Linie und schon ist man auf ewig ein Verdammter.
Der Widerstand der sich in Frankreich derzeit rührt hat nichts mit Befreiung oder Verteidigung von Grundrechten zu tun - es geht nur darum seine eigenen egoistischen Bedürfnisse nach Begünstigungen aus dem Sozialsystem zu schützen. Wenn man den Leuten mehr Kohle geben würde wären die alle längst wieder daheim vor der Playstation!
Das Problem der Linken ist nur, dass sie verkennen dass unser Sozialstaat nicht am Ende ist weil so wenige einzahlen, oder das die "Reichen" zu wenig zahlen - das Problem ist, dass zu viele aus den Kassen beziehen weil sie keine Bildung haben um den Anforderungen unserer Wirtschaft gerecht zu werden.
Ich könnt jedes mal sauer werden - ich bin in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, habe mich angestrengt und war mir nie zu fein für nen Job quer durch die Republik zu ziehen oder andere "Nachteile" in Kauf zu nehmen. Heute bin ich keine 30 und verdiene mehr als der Durchschnitt - auch etwas was das fiese System hergeben kann... aber dafür müsste man halt mal was tun!
der abstruse Gegensätze zwischen Denken und Fühlen braucht, um alles in ein nivellierendes Grau zu tauchen und jede Lebendigkeit und existentielle Auseinandersetzung mit dem Leben und dessen Bedingungen niederzuschreiben - und der offenbar vor allem dem eigenen Sessel gewidmet ist.
Typisch Deutsch eben: Wenn es unsere "Elite" trotz offensichtlicher Bemühungen schon nicht schafft, uns abzuschaffen, dann wenigstens alles, worüber es sich eigentlich lohnen würde, zu ringen, zu diskutieren, zu entwickeln. Wer will eigentlich so harmlos im Denken und gefährlich in den Folgen seine paar Jahr verbringe, die er/sie auf diesem Planeten hat?
P.S.: Ganz großen Dank an Stéphane Hessel für sein Erinnern an die Bedeutung der Menschenrechte und seine federführende Mitwirkung an deren Erklärung. Ich bin mir ziemlich sicher, dies würde heute wohl kaum mehr einer unserer Politiker(innen) hinbringen. Und mir scheint, der Autor dieses öden Artikels weiß dazu vor allem, wie man diese buchstabiert - und damit sein Einkommen in einer immer mehr verkommenden Gesellschaft sichert. Dabei lebt keiner ewig.
"Hessel ist für mich ein selektiver Prediger - was er ja auch sein darf, aber im Grunde ist der Text nicht das Papier wert. Unglaubwürdig ist der ganze Aufreger schon, da z.B. einseitig starker Tobak"
Hätten Sie nicht Hessel geschrieben, ich hätte gedacht, es geht um Sarrazin...
Aber wie heißt es immer so schön zu Sarrazin: Millionen können ja nicht irren... ;-)
hat einfach nur Recht. Ich frage mich schon lange, wo die deutschen Intellektuellen und Schriftsteller sind. Haben wir überhaupt noch welche?
Paging