Frankreichs Manifest zum Volkszorn Empört euch!

Das meistverkaufte Buch des Jahres im unzufriedensten Land der Welt: Widerstandskämpfer Stéphane Hessel bewegt seine Landsleute mit dem Aufruf, sich gegen die Verhältnisse aufzulehnen.

Von Alex Rühle

Das Buch ist in etwa so dick wie eine Broschüre der Zeugen Jehovas, dreißig Seiten, wobei der eigentliche Text gerade mal neunzehn Seiten davon in Anspruch nimmt. Es kostet drei Euro und ist bei dem winzigen Verlag Indigène erschienen, der betrieben wird von ehemaligen Maoisten der "Gauche prolétarienne". Bis zum Jahreswechsel wurden 900.000 Exemplare gedruckt, wodurch Indignez-vous in Frankreich das mit Abstand meistverkaufte Buch des Jahres ist. Es liest sich wie eine Mischung aus mahnendem Leitartikel, protestantischer Predigt eines politisch bewegten Agnostikers und Brief an die Nachfahren.

Stéphane Hessel ruft seine Landsleute darin auf, sich zu empören über den Zustand der Welt. Darüber, dass die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter aufgeht; dass der Sozialstaat ausgehöhlt wird; dass Ausländer in Frankreich stigmatisiert und die Palästinenser von den Israelis kujoniert werden. Darüber, dass in der Mitte unserer Konsumgesellschaft ein schwarzes Loch des Nihilismus klafft, dass die Gier der Banker eine einzige Schande sei. Und dass wir unseren Planeten zerstören. Wobei: "Es wurden seit 1948 auch wichtige Verbesserungen erreicht: die Dekolonisierung, das Ende der Apartheid, der Fall der Mauer. Leider war das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts dann wieder ein Rückschritt."

Noch befremdlicher als dieses kursorische Abschreiten der Weltgeschichte wirkt auf den deutschen Leser zunächst, dass Hessel die Empörung über all diese Missstände kurzschließt mit seinem eigenen Wirken in der Résistance im Zweiten Weltkrieg. Vielleicht liegt aber genau darin der Schlüssel des erstaunlichen Erfolgs dieses winzigen Büchleins. In dieser Zeit rasender Umbrüche und großer Ratlosigkeit wirft da einer seinen Anker weit, weit nach hinten aus, in die ruhmreichen Jahre 1941 bis 1944.

Man muss dazu sagen, dass den Autor dieses Pamphlets ein unerhörter Nimbus umgibt: Der 93-jährige, stets eine souverän-soignierte Noblesse ausstrahlende Stéphane Hessel kommt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Seine Eltern sind der Schriftsteller Franz Hessel und die Journalistin Helen Grund, deren Ménage-à-trois mit dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché von François Truffaut in Jules et Jim verewigt wurde. Stéphane Hessel war vor dem Krieg Sartre-Schüler, trat der Résistance bei und arbeitete mit am Programm des Nationalen Widerstandsrates. Er wurde von der Gestapo gefoltert und kam ins KZ. Eugen Kogon verhalf ihm in Buchenwald zu Papieren eines Toten, der dann als Stéphane Hessel verbrannt wurde; die Geschichte wird in Jorge Sempruns Der Tote in meinem Namen erzählt. So leben sowohl Hessel selbst als auch seine Eltern ohnehin schon im Pantheon der Nachkriegskultur fort.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Franzosen das unzufriedenste Volk der Welt sind.

Freiheit, Gleichheit, Ärgerlichkeit

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