Frankreich und die Atomkraft Eine Wolke bis zum Rhein

Tschernobyl, na und? Während die Deutschen in Gorleben campierten und voller Wut "Atomkraft, nein danke!" schrien, rebellierten die Franzosen gegen Rassismus. Warum haben wir ein so unterschiedliches Verhältnis zur Atomkraft?

Von Pascale Hughes

Und wenn mein Bett auf dem Dach eines Atomkraftwerkes stünde, ich könnte trotzdem schlafen ... Als ich gerade nach Deutschland gezogen war, provozierte ich meine deutschen Freunde gerne mit dieser kleinen französischen Angeberei. Ich liebte es, ihre schreckverzerrten Gesichter zu beobachten, ihre entrüsteten Standpauken anzuhören. Das Schlimme daran ist, dass ich kaum übertrieben habe.

Zusammen mit der militanten Frauenbewegung stellt die Anti-Atom-Bewegung einen der großen kulturellen Gräben zwischen unseren beiden Ländern dar. Der französische Feminismus hat nie die Hartnäckigkeit der deutschen Frauenbewegung besessen. Und der Kampf gegen die Atomkraft ist nicht Teil des sonst so revolutionsgerüsteten französischen Kampfarsenals.

Nie hat zu Beginn der Achtziger die antinukleare Sonne unsere studentischen Velosolex-Mofas geschmückt. Nie haben wir kostümiert vor Atomkraftwerken gesessen, nie voller Wut "Atomkraft, nein danke!" geschrien. Als die Deutschen in Gorleben campierten, klebten wir Che-Guevara-Poster an unsere Zimmerwände. "Que la montagne est belle", "Wie schön sind doch die Berge", sang der Kommunist Jean Ferrat, und mit ihm rebellierten wir gegen das Niederwalzen der savoyischen Dörfer zur Errichtung grauenhafter Wintersportfabriken.

Die galoppierende Moderne der Giscard-Jahre verschlang das ländliche Frankreich; das war das Einzige, was uns betrübte. Runter auf die Straße und demonstrieren? Aber sicher! Ganze Tage haben wir mit damit verbracht, Parolen zu skandieren. Gegen Bildungsreformen, gegen Rechtsextreme und Rassismus. Aber gegen die Atomkraft? Nie. Saint-Laurent, Chinon, Tricastin ... - die französischen Kraftwerke befanden sich auf weit entfernten Kontinenten. Sie waren die Zierde der französischen Technologie. Frankreich war nuklearer Weltmeister. Ich glaube, wir waren sogar ein wenig stolz darauf.

So merkwürdig es klingt: Wir hatten den Eindruck, das ginge uns nichts an. Tschernobyl? Die hyperzentralisierte Informationspolitik hatte ihre Sache gut gemacht: Mit einer Naivität, die mir aus heutiger Sicht beinahe die Sprache verschlägt, nahmen wir an, die radioaktive Wolke gehorche einem einzigartigen physikalischen Gesetz, das sie an einer unsichtbaren, den Rhein entlang verlaufenden Demarkationslinie stoppen ließe. Deutsche Pilze waren kontaminiert. Unser Blattsalat blieb verschont. Später dann erweckte die Entdeckung von radioaktiven Schäden auf Korsika und in Ostfrankreich zwar ein gewisses Unbehagen; die grundsätzliche Entscheidung für die Atomkraft wurde dadurch aber nicht in Frage gestellt.

Eine zweite Chance für den Widerstand

Wir machten uns lustig über die "Angst" ein Wort, so bezeichnend deutsch, dass es unübersetzt in andere Sprachen Einzug gefunden hat. Wir lachten über ihre "Kultur der Katastrophe", wobei wir das Wort Katastrophe mit dem Akzent von Nazi-Offizieren herausbrüllten. Wir machten uns lustig über dieses Deutschland, das 40 Jahre nach Kriegsende seine neue Berufung gefunden zu haben schien. Die Pflicht bestand nun im "Widerstand" gegen das Atom. Ihre Chance auf Widerstand gegen den Nationalsozialismus haben sie vermasselt, jetzt erschleichen sie sich ihre Absolution im Versuch, die Atomindustrie zu stürzen. So spottete ich heimlich.

Ich bin im Elsass aufgewachsen. In den achtziger Jahren war der Besuch des Reaktors von Fessenheim Teil des gymnasialen Ausflugprogramms, genauso wie der Besuch des Unterlinden-Museums in Colmar. Die Lehrer ließen uns die Meisterwerke nationaler Technologie bewundern. Die Atomkraft war Prüfstein und Aushängeschild des zentralisierten Staates. Wir Elsässer mit unserer zur Hälfte germanischen Seele standen ja schon an der Spitze der grünen ökologischen Bewegung in Frankreich.

Dennoch mussten wir darüber lachen, dass ein Großteil der Demonstrierenden vor dem Fessenheim-Kraftwerk in den siebziger Jahren von der anderen Seite des Rheines kam. Diese deutschen Öko-Alternativler mit ihren Lammfelljacken und ihren Wollsocken, mit ihren kleinen runden Brecht-Brillen, ihren Gitarren und Moralpredigten, wie sie da auf dem Kathedralenplatz in Straßburg saßen und Schwarzbrot picknickten, waren wirklich nicht sexy.

Wie kann es sein, dass der Anti-Atom-Kampf, der für Deutsche meiner Generation eine beinahe "initiatorisch" zu nennende Phase des Identitätsfindungsprozesses darstellte, faktisch keine Rolle für meine Sozialisation gespielt hat? Der Anti-Atomkampf der Franzosen beschränkte sich auf Einzelaktionen: Die Demonstration in Creys-Malville im Juli 1977, die mit einem Toten endete. Die Einstellung des Bauprojekts eines Atomkraftwerkes in Plogoff in der Bretagne.

Viele meiner deutschen Freunde haben in Gorleben die Revolte kennengelernt, die Knüppel und die Wasserwerfer und eine andere Art des Lebens. Ein kollektiver und prägender "Bildungsweg", den ich erst verstand, als ich meine erste Reise ins Wendland machte: Es war einige Jahre nach dem Mauerfall, und das Wendland sollte sehr schnell meine überkommenen Vorstellungen revolutionieren. War es nicht ein wenig zu einfach, ökologische Probleme auf nationale Neurosen zu reduzieren? Was davon ist deutsche Schrulligkeit, wo fangen die französischen Trugbilder an?

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