Fotografie Mit der Sonne durch den Tag

Eine großartige Ausstellung in Berlin zeigt die Architektur- und Naturbilder der Fotografin Sigrid Neubert.

Von Jens Bisky

Auf der Fotografie Sigrid Neuberts sehen die Münchner BMW-Bauten aus wie ein Wolkenschnellkochtopf, errichtet, um den Sommerhimmel mit Cumulus-Dekorationen zu verschönern, Natur und Architektur zu einem Glanz- und Leucht-Drama zusammenzufügen.

Das war kein Zufallsbild, sondern absichtsvolle Inszenierung. Sie sei "mit der Sonne durch den Tag gegangen, um die Verwandlungen eines Gebäudes im Sonnenlicht zu beobachten und auf den Fotos festzuhalten", schrieb die 1927 geborene Künstlerin einmal. Seit Mitte der Fünfzigerjahre nutzte Neubert die "Spiele von Licht und Schatten", die starken Kontraste von Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel, um Gebäude so abzulichten, dass man bei ihrem Anblick dachte: Ja, so waren sie gewollt. Es wird sich nicht genau ermitteln lassen, wie groß der Anteil der Fotografie am Ruhm der Nachkriegsarchitektur ist. Aber wer durch die Sigrid-Neubert-Retrospektive schlendert, die das Berliner Museum für Fotografie zeigt, kann ihn nicht länger vernachlässigen.

So schön und klar hat man sie kaum sonst gesehen: Karl Schwanzers Verwaltungsgebäude und Museum für BMW, das Dach des Olympiastadions von Günter Behnisch und Frei Otto, das inzwischen abgerissene Verlagsgebäude der Süddeutschen Zeitung oder die Hypobank am Arabellapark, Kirchen, Wohnhäuser, viele Neubauten in Bayern und Franken. Neubert hat sie wie Großskulpturen in Szene gesetzt, gern aus der Froschperspektive und meist so, dass die allerneuesten Bauten auch ein wenig geheimnisvoll ausschauen, als wären sie immer schon da.

Hier wird die Baukunst bewundert - so klar hat man sie kaum sonst gesehen

Auf dem Foto aus dem Jahr 1957 gleicht Gerd Wiegands Augsburger Parkhaus Grottenau der Kulisse für einen Film noir. Und als Neubert 1964 Alexander von Brancas Weißenburger Heilig-Kreuz-Kirche fotografierte, verwandelte sie diese in ein Monument des ewigen Kampfes zwischen Schatten und Licht.

Ein großer Teil ihres Werkes wurde der Berliner Kunstbibliothek geschenkt. Das Konvolut dokumentiert Jahrzehnte der Architekturgeschichte und einen besonderen Blick auf die Baukunst. Neubert hat mit den Architekten gesprochen, ihre Intentionen und ihren Charakter erkundet. Ihre Fotografien nehmen die Perspektive der Bewunderung ein, nicht die des Gebrauchs, des täglichen Vorübereilens oder beiläufigen Hinüberschielens.

Daneben hat Sigrid Neubert auch Gärten, Naturszenen, Blüten fotografiert, etwa den Nymphenburger Park, in dessen Nähe sie damals wohnte. Auf ihn fällt sanftes Licht. Während in der Architekturfotografie die starken Kontraste herrschen, finden sich hier vor allem Nuancen, milde Übergänge. In den Siebzigern fuhr sie nach Umbrien und freute sich im "Heiligen Wald" von Bomarzo über die Schleier des Novembernebels. Sie wollte dem Park seine Geheimnisse lassen, "Schleier um Schleier" darüber legen, das Geschehen noch unbegreiflicher machen.

Von ganz anderer Art scheinen die farbigen Fotos von Blumenblüten zu sein. Aber es gibt ein Gemeinsames zwischen den Auftragswerken der Architekturfotografin und den freien Arbeiten der Reisenden. Es geht ihr um die Schönheit der sichtbaren Welt. Das Staunen darüber bezeugen ihre Fotografien. Man staunt mit.

Sigrid Neubert - Fotografien. Architektur und Natur. Museum für Fotografie, Berlin. Bis zum 3. Juni. Im März wird im Hirmer Verlag das Begleitbuch über Neuberts Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne erscheinen.