Filmfest Venedig 2012 Komischer und zugänglicher, als man denken würde

Berühmt sein, oder berüchtigt, und wie schnell das eine ins andere umschlagen kann - davon erzählt auch der Franzose Xavier Giannoli mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Superstar". Ähnlich wie in Woody Allens "To Rome With Love", der gerade in den Kinos läuft, gibt es darin einen restlos normalen Jedermann, gespielt von Kad Merad, der plötzlich der berühmteste Mensch des Landes wird. Ein absolut unerklärlicher Ruhm: Eines Morgens in der Metro filmen ihn plötzlich hunderte von Smartphones, ein Massenauflauf beginnt - und keiner hat eine Ahnung, warum. So sehr diese Idee offenbar in der Luft liegt und so relevant für die Gegenwart sie sein müsste - Giannoli weiß am Ende noch weniger als sein Protagonist, wie er aus der Nummer wieder rauskommen soll, und was man im Zweifelsfall daraus lernen könnte.

Da riskiert dann der Österreicher Ulrich Seidl doch einiges mehr - aber das ist bei diesem Filmemacher gewissermaßen Programm. Beim Festival von Cannes hat er in "Paradies: Liebe" schon einen erschreckend genauen Blick auf die Körper und in die Seelen weiblicher Sextouristinnen in Kenia geworfen, in Venedig präsentiert er nun den zweiten Teil , "Paradies: Glaube". Am Ende wird eine Trilogie stehen, vielleicht findet die ja auf der Berlinale ihren Abschluss, dann wäre der Hattrick perfekt.

Komplett mit zertrümmerten Kruzifixen

"Paradies: Glaube" zeigt die furchtlose Seidl-Schauspielerin Maria Hofstätter als sich selbst gern nackt kasteiende Kampf-Katholikin, die in Wien mit einer "WanderMuttergottes-Statue" von Haus zu Haus geht und missioniert. Dann kommt ihr an den Rollstuhl gefesselter Ehemann, ein ägyptischer Moslem (Nabil Saleh) nach zwei Jahren zurück, und im Vorort-Reihenhaus entwickelt sich eine Art Religionskrieg im kleinen, komplett mit zertrümmerten Kruzifixen und christlich-westlicher Überlegenheit - was kann ein ein Querschnittsgelähmter schon groß ausrichten? Das klingt wie allegorischer Irrsinn, aber diese Art Clash interessiert Seidl dann doch eher weniger. Ihn fasziniert vor allem die gewaltige sexuelle Energie, die hier wieder an allen Ecken und Enden sublimiert wird - und das macht dieses Drama doch wesentlich komischer und zugänglicher, als man denken würde.

Es ist nur ein Film - den Satz hätte wohl auch die deutsche Schauspielerin Franziska Petri, Jahrgang 1973, nicht unterschrieben, nachdem sie den russischen Regisseur und Theaterprovokateur Kirill Serebrennikov bei einem europaweiten Casting traf. Es entstand der gemeinsame Wettbewerbsfilm "Izmena /Betrug", ein hochstilisiertes Untreuedrama mit drei Paaren, irgendwo zwischen Antonioni und slawischem Absurdismus.

Aus Petri aber, mit schneeweißer Haut und rotleuchtendem Haar, hat Serebrennikov darin einen Star von der Eleganz und Autorität einer russischen Zarin gemacht. Er sei sofort von ihr "verhext" gewesen, erzählte der Regisseur am Lido, "dieser seltsame Mund, diese seltsam geformte Augen. . . ein Wesen wie von einem anderen Stern." Petri , deren Durchbruch in Deutschland nie wirklich stattgefunden hat, lernte für diesen Film wie besessen Russisch, erfand sich noch einmal vollkommen neu. Ob dieser Film ihre nächsten dreißig Jahre definieren wird? Könnte schon sein.