"Fenster zum Sommer" im Kino Verzückt von der Magie des Gestern

Ist die finnische Mittsommerliebe oder die schale Langzeitbeziehung real? Hendrik Handloegtens "Fenster zum Sommer" katapultiert Nina Hoss um Monate zurück in die Vergangenheit. Sie bewegt sich zwischen Wachen und Träumen - und macht sich auf zur Reise zu einem besseren Menschen.

Von Anke Sterneborg

Das Kino ist ein naher Verwandter der Träume, es gaukelt etwas vor, was einen Wimpernschlag später verschwunden ist - Klappe, Schnitt. In Fenster zum Sommer, dem dritten Spielfilm von Hendrik Handloegten, wird das Kino zur Traummaschine, es produziert eine alternative Wirklichkeit. Auf eine Ferienidylle folgt da der somnambule Moment des Aufwachens, in dem eine junge Frau zwischen Schlaf und Bewusstsein, zwischen Hell und Dunkel um Orientierung ringt.

Was vor dem Erwachen war, ist so intensiv gewesen, dass sie sich kaum davon lösen kann. Gerade war Juliane - gespielt von Nina Hoss - noch frisch verliebt mit August (Mark Waschke) im Sommerurlaub auf dem Weg nach Finnland, dann nickt sie in der wohligen Wärme seiner Umarmung ein. Und dann findet sie sich plötzlich im eisigen Berliner Winter wieder, in einer schal gewordenen Langzeitbeziehung mit Philipp (Lars Eidinger). Wie jeder Erwachende zweifelt sie an ihrer Wahrnehmung, sucht nach Halt in dieser Wirklichkeit - die einem dann doch irritierend trügerisch vorkommt. Nur sehr langsam kommt Juliane darauf, dass sie mehrere Monate in die Vergangenheit katapultiert wurde.

Im Kino kann man das Kontinuum von Stunden, Tagen und Wochen durchrütteln wie in einer Zeitmaschine und so die faszinierendsten Gedankenspiele anstellen. Was wäre, wenn man die Uhr zurückdrehen und alles anders machen könnte? So ging es Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier, der einen Tag immer wieder aufs Neue durchlaufen musste, bis er sich endlich zum besseren Menschen wandelt. Was wäre, wenn man durch eine Reise in die Vergangenheit die Weichen für die Gegenwart neu stellen könnte, wie die Helden von Zurück in die Zukunft oder Terminator? Oder wenn man, wie vor kurzem in Source Code, so oft in einen fahrenden Zug zurückkehren könnte, bis man genug Indizien gesammelt hätte, um die Pläne eines gefährlichen Terroristen aufzudecken?

Juliane macht eine subtilere Entwicklung durch, aber auch bei ihr geht es letztlich darum, zum besseren Menschen zu werden, reifer und verantwortungsvoller mit dem Leben, mit der Liebe und der Freundschaft umzugehen. Erschwert wird ihre Situation, weil der entscheidende Tag, an dem sie ihren neuen Freund traf, auch der Tag war, an dem ihre beste Freundin (Fritzi Haberlandt) auf der Straße tödlich verunglückte.

Wie lässt sich das eine verhindern, ohne das andere aufs Spiel zu setzen? Wie kann man im Winter den Blick durch das Fenster im Sommer am wirksamsten nutzen? Und wem kann man sich anvertrauen, ohne als völlig verrückt dazustehen? Den einzigen Vertrauten und Ratgeber findet Juliane im Jungen ihrer Freundin, denn seine kindliche Wahrnehmung macht ihn empfänglich für die Konstruktionspläne der Phantasie und die Regeln der Ungewissheit.

Wieso Hollywood?

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