Enthüllung aus dem Archiv Warum Thomas Mann den Nobelpreis wirklich bekam

"Der Zauberberg"? Viel zu modern! Als die Schwedische Akademie 1929 den Nobelpreis für Literatur an Thomas Mann verlieh, leistete sie sich aus heutiger Sicht eine echte Peinlichkeit. Ein Blick in alte Sitzungsprotokolle der Nobel-Jury offenbart Abgründe.

Von Alan Asaid

Am kommenden Samstag wird in Stockholm der diesjährige Nobelpreis für Literatur an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer verliehen. Grund genug, einmal in alten Sitzungsprotokollen der Schwedischen Akademie nachzublättern, um nachzuvollziehen, wie frühere Entscheidungen des Komitees zustande kamen. Aus dem Blick in die Akten geht nicht nur hervor, wie knapp und umstritten manche Abstimmung verlief, sondern auch, dass bisweilen der richtige Autor für das falsche Buch ausgezeichnet wurde. So erging es Thomas Mann, der 1929 im zweiten Anlauf den Literaturnobelpreis erhalten hatte - nicht jedoch für sein damals aktuelles und im Rückblick bedeutenderes Werk "Der Zauberberg", sondern für sein dreißig Jahre zurückliegendes Debüt "Buddenbrooks".

Dass Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" bei seinem Erscheinen in den zwanziger Jahren manche Leute die Nase rümpfen ließ und dem Verfasser bei seiner Nobel-Kandidatur kaum Pluspunkte einbrachte, mag sich für heutige Leser wie ein Lügenmärchen anhören. Aber so und nicht anders war die Situation, als Mann für den prestigeträchtigsten aller Literaturpreise vorgeschlagen wurde.

Beim Blick in den Rückspiegel der Geschichte kommt man zu dem Ergebnis, dass die drei Nominierungen Manns, die 1929 in eine Preisentscheidung mündeten, deren Begründung den Preisträger ziemlich verärgerte, in gewisser Hinsicht vielleicht verfrüht waren. Dass seine Auszeichnung später, nach der entschiedenen ästhetisch-ideologischen Neuorientierung der Schwedischen Akademie in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, einem Teil ihrer damaligen Mitglieder die Schamesröte ins Gesicht trieb und sie veranlasste, Mann für einen zweiten Literaturnobelpreis zu nominieren, ist in der Historie des Preises ein ebenso ungewöhnlicher wie vielsagender Vorgang.

Bei der Begründung der Preisentscheidung des Jahres 1929 kam man nicht um die Tatsache herum, dass Thomas Mann zu den wenigen weltliterarischen "Giganten" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte. Aber seine Wahl war längst nicht so selbstverständlich, wie man vermuten könnte, auch wenn sie im Verhältnis zur Anzahl der Nominierten relativ rasch über die Bühne ging (im dritten Durchgang).

Es war Gerhart Hauptmann, der Preisträger des Jahres 1912, der sich 1924 für die erste Nominierung Manns stark gemacht hatte. Im Nobelkomitee gab es unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit der Autor als Hauptkandidat für den Preis in Betracht kam. Die Mitglieder Henrik Schück und Erik Axel Karlfeldt äußerten Zweifel, während Anders Österling und der Vorsitzende Per Hallström mehr Rühmendes als Kritisches vorbrachten, besonders im Hinblick auf Manns erstes Meisterwerk, seinen frühreifen Debütroman "Buddenbrooks" (1901).

In der Komiteedebatte beharrte Hallström darauf, dass er jedenfalls keinen "stärkeren Namen" auf der Vorschlagsliste jenes Jahres finden könne. Österling wiederum zog sich auf einen diplomatischen Standpunkt zurück und hielt es "für das Vernünftigste, den in Arbeit befindlichen neuen Roman Manns abzuwarten, bevor man sich auf eine Haltung zu ihm festlegt". Der Preis des Jahres 1924 wurde stattdessen dem polnischen Romancier Wladyslaw Reymont und seinem - gewiss meisterhaften - Opus "Die Bauern" zuerkannt.

Als Mann vier Jahre später - auf Betreiben von Österling - zum zweiten Mal nominiert wurde, lag dem Nobelkomitee jener mit Spannung erwartete neue Roman vor: "Der Zauberberg". Hallström, der auch die Funktion des Sachverständigen übernahm, charakterisierte ihn im Komiteegutachten als ein "in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Werk mit bedeutendem Inhalt, aber unter ästhetischen Gesichtspunkten zu weitschweifig und zu schwerfällig, um zu Manns besten Schöpfungen gerechnet zu werden".

Schau mir ins Hirn, Kleines

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