"Die Liebesfälscher" im Kino Erlogene Versionen des Lebens

Was ist wertvoller? Das Original oder die Kopie? Der große iranische Regisseur Abbas Kiarostami spielt in "Die Liebesfälscher - Copie Conforme" mit dem Schein und Sein des Lebens. Juliette Binoche und William Shimel ergründen nahezu philosophisch die Frage nach der wahren Existenz im sanften Licht der Toskana.

Von Susan Vahabzadeh

Man ist sich bei Kunstwerken meist ziemlich sicher: Das Original ist der Fälschung überlegen. Michelangelos David ist da ein Sonderfall. Die wahrscheinlich berühmteste aller Statuen wurde 1504 auf der Piazza della Signoria in Florenz aufgestellt, aber weil Witterung und Schmutz der aus einem einzigen Block hergestellten Marmorfigur sehr zusetzten, verlegte man sie im 19. Jahrhundert nach drinnen, in einen Saal der Galleria dell' Academia. Und weil nun der Platz vor dem Palazzo Vecchio verwaist war, wurde dort, wo der David jahrhundertelang gestanden hatte, eine Kopie aufgestellt.

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Ist es nun so, dass nur das Original im Kuppelsaal ein Kunstwerk ist, das draußen aber nur billiger Abklatsch? Macht es so viel Unterschied, welche von beiden Skulpturen Michelangelo tatsächlich berührt und nicht nur entworfen hat? Inwiefern ist die Erfahrung, den echten David gesehen zu haben, anders als die Betrachtung der Kopie? Und, das ist ja das Besondere an dieser Statue: Wer hat eigentlich behauptet, die Erfahrung drinnen sei die bessere, wo doch die Fälschung auf dem originalen Platz steht?

Der David ist das Kunstwerk, um das Abbas Kiarostamis Film "Die Liebesfälscher" herumgebaut ist - er illustriert so schön, worum es ihm geht. Am Anfang wirkt diese Geschichte noch relativ klar: Der britische Kunsthistoriker James (William Shimell) hält in einem kleinen Ort in der Toskana einen Vortrag - er hat sich auf Fälschungen spezialisiert, und die Wertungen, die wir ihnen zuordnen.

Im Publikum sitzt eine Frau (Juliette Binoche, die im vergangenen Jahr in Cannes den Darstellerpreis bekommen hat für diesen Auftritt) - sie muss früher weg, ihres Sohnes wegen, und lässt James einen Zettel zukommen.

Die beiden treffen sich in ihrer Wohnung, beschnuppern einander, flirten zaghaft, setzen sich ins Auto, weil sie ihm etwas zeigen will in einem anderen Ort, Lucignano. Unterwegs gehen sie in ein Café, er muss kurz raus, und die Bedienung spricht die Frau an: Sie hält die beiden für ein Paar. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, auch nicht, dass die Frau das nicht korrigiert.

Aber als James zurückkommt, treten die beiden ein in ein Reich, in dem man Liebe fälschen kann - sie haben Krach, den Krach eines Paares, das seit vielen Jahren zusammen ist. Es entwickelt sich ein Spiegelsaal der Beziehungen, man kann nicht mehr entscheiden, welche der Versionen ihres Lebens vorgespiegelt ist und welche die wahre - und welchen Einfluss das überhaupt hätte auf die Frage, ob die beiden glücklich sind.

Frivoles Rollenspiel

Die Liebesfälscher / Copie conforme ist der erste Film, den Abbas Kiarostami (Wo ist das Haus meines Freundes?), der wohl berühmteste iranische Regisseur der letzten Jahrzehnte, in Europa gedreht hat. Dass er ihn, mit seiner ganzen Story des Zusammenkommens und Auseinanderdriften eines Paares, nicht im Rahmen der iranischen Zensur realisieren konnte, liegt auf der Hand; und dass Juliette Binoches Unterwäsche ständig hervorblitzen darf, mag ein Bild sein, dass Kiarostami schon lange mal zeigen wollte.

Aber es wird, ganz anders als in den sehr fragmentierten, abstrakten Arbeiten der letzten Jahre, Five oder Ten, tatsächlich auch ein Bezug zum europäischen Kino sichtbar, zu Antonioni und sein Spiel mit Schein und Sein, oder zu Rossellini und dessen Ehedrama Viaggio in Italia.

Kiarostamis Protagonisten streiten sich über eine gemeinsame Vergangenheit, die es möglicherweise nie gegeben hat, oder sie haben sich am Anfang in ein frivoles Rollenspiel begeben; aber sie treiben nebenher die Debatte um Original und Fälschung immer weiter: Ist ein einzigartiger Baum ein Kunstwerk, nur weil er einzigartig ist? Ist die Mona Lisa ein Original - oder nur die Kopie einer Frau, die damals lebte?

Man kann Kiarostamis Fragen endlos weiterspinnen - ist am Ende der Eiffelturm in Las Vegas dem in Paris ebenbürtig, und wer wären wir Europäer überhaupt, uns darüber zu erheben, inmitten des geklonten Disney-Charmes unserer überrenovierten Innenstädte? Da beginnen die toskanischen Dörfer, die den "Liebesfälschern" Kulisse sind, plötzlich sehr künstlich zu wirken in ihrer Perfektion.

Die größte Schwäche des Films ist am Ende wohl, dass Kiarostami hier zwar zurückgefunden hat zur traditionellen Erzählung, aber nicht wirklich zur Abbildung von Menschen: Seine Charaktere sind Figuren auf einem Schachbrett, die er in einer philosophischen Konstruktion hin- und herbewegt. Für ein echtes Paar macht es natürlich schon einen Unterschied, ob sie sich über eine echte Vergangenheit streiten oder über eine erfundene. Aber vermutlich sieht Kiarostami auch das als Teil der Fragestellung: Wer sagt, dass eine vorgetäuschte Emotion weniger wert ist als eine echte?

Einmal erinnert sie, die namenlose Frau, sich an einen Tag in Florenz, an den Blick auf die Piazza della Signoria. Ob der David in ihrer Erinnerung der falsche ist oder der echte, der damals schon lange nicht mehr auf dem Platz stand - das wird uns Kiarostami nicht verraten.

COPIE CONFORME, I/F 2010 - Regie: Abbas Kiarostami. Buch: Kiarostami, Massoumeh Lahidji. Kamera: Luca Bigazzi. Mit: Juliette Binoche, William Shimell, Jean-Claude Carrière. Verleih: Alamode, 106 Minuten

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