"Die Außenseiter" von Philipp Ther Thers Buch ist ein wissenschaftlich fundierter Einspruch

Ein Historiker kann sagen, was war und was ist. Politisch argumentieren kann er deswegen nicht. Diese Differenz wird hier zu einem Dilemma: Denn selbstverständlich ist Thers Buch ein wissenschaftlich fundierter Einspruch gegen die längst in die politische Praxis übergegangenen nationalen Fantasien, die derzeit nicht nur die sogenannten Rechtspopulisten, sondern auch die bürgerlichen Parteien umtreiben. Doch kommt die Überzeugung, das Vaterland und sein Volk seien etwas Einzigartiges und unbedingt Verehrungswürdiges, sehr gut ohne historische Kenntnisse aus. Mehr noch: Beflügelt von der Überzeugung, die gesamte bürgerliche Politik betrüge die echten deutschen Staatsbürger um die ihnen zustehende privilegierte Behandlung, verstehen die sogenannten Rechtspopulisten den gewählten Staatsapparat und dessen Institutionen als eine Verschwörung von Opportunisten, Karrieristen und Weichlingen.

Als Beleg für diesen Glauben vermag jeder Euro zu dienen, der etwa für die Unterstützung von Flüchtlingen ausgegeben wird: Dieses Geld hätte selbstverständlich einem echten Deutschen zugestanden. Ein solches Verhältnis zur Politik aber versteht sich von Grund auf als moralisch. Und es mündet, nunmehr auf allen Ebenen demokratisch legitimiert, in einen Versuch, die Nation neu zu definieren: "Deutschland zuerst", wobei das Wort "zuerst", wie in allen derartigen Fällen, keinen Vergleich mit einem "Zweiten" oder "Dritten" markiert, sondern absolut verstanden werden will, als "Deutschland allein".

An Material zur Erhärtung seines Glaubens fehlt es dem neuen Deutschnationalen deswegen nie. Er muss sich nur umschauen: Wo immer etwas für "die Außenseiter" getan wird, ist die Nation verraten - und als Verratene erhält sich die Nation, aller Empirie und aller Geschichtswissenschaft zum Trotz, weshalb die überall beschworene "nationale Identität" denn auch hauptsächlich in Abgrenzungen nach außen besteht und ohne innere Bestimmung behauptet werden kann.

Den sachlichen Ertrag des Buches nimmt dieser Einwand nicht zurück. Aber er relativiert dessen politische Dringlichkeit. Diese Einschränkung gilt besonders für die Passagen, in denen Ther über die Vorteile spricht, die zu gewissen Zeiten mit der Einwanderung von Flüchtlingen verbunden waren, bei den Hugenotten etwa, die in den Ländern, in denen sie sich ansiedelten, zur Entfaltung von Verwaltung und Industrie beitrugen - oder auch bei den Flüchtlingen aus dem Osten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Westen gekommen waren und dort am Wiederaufbau teilhatten: "Entgegen allen Integrationsängsten waren Flüchtlinge (und andere Migranten) historisch betrachtet fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen." Aber wer wollte mitrechnen, wenn fünf Vorteile gegen drei Nachteile abgewogen werden - denn ist, wer so kalkuliert, nicht längst Teil jenes Bewertungsverfahrens, in dem sich die bürgerlichen Parteien und die neuen Deutschnationalen einig sind, nur dass sie dafür unterschiedliche Kriterien kennen?

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Die Einschränkung gilt mehr noch, wenn abgewogen wird, unter welchen Bedingungen eine Integration gelingt. Ein offener Arbeitsmarkt erweist sich als nützlich, ferner eine Solidarität zwischen den aufnehmenden und den ankommenden Völkerschaften, sei diese nun politischer, kultureller oder ethnischer Art, belastbare soziale Netze unter den Flüchtlingen - lauter Verhältnisse mithin, die gegenwärtig eher selten zu finden sind. All diese Befunde mögen historisch richtig sein. Sie behandeln aber das Gegebene als das Normative und provozieren eine politische Interpretation, die Flüchtlinge nach Opportunitäten sortiert, während die Flucht einer solchen Bewertung eben nicht unterliegt.

Wichtiger, als von den Vorteilen der Einwanderung zu reden, ist die Kritik des Nationalismus

Und so ist es zwar richtig, wenn Philipp Ther erklärt, politische und ökonomische Gründe einer Flucht seien oft kaum auseinanderzuhalten. Genauso richtig aber ist auch, dass Armut sehr wohl ein Grund ist, die Sachen zu packen und in ein anderes Land zu gehen - und dass die Beurteilung einer Flucht nach Maßgabe der Arbeitsmöglichkeiten im neuen Land allenfalls eine sekundäre Überlegung darstellt.

Zu Recht schreibt Philipp Ther im Vorwort, Flüchtlinge seien "schon immer als Projektionsfläche für gesellschaftliche und politische Probleme ge- und missbraucht" worden. Viele der Feinde, die Flüchtlinge in Deutschland haben, kommen ohne persönliche Erfahrungen aus, selbst Migranten betreffend. Für ihre Idee, man bräuchte eine von Grund auf erneuerte deutsche Nation, müssen sie nicht kennen, was sie für grundsätzlich fremd halten wollen. Wichtiger als von den Vorteilen der Einwanderung zu reden, erscheint es deswegen, diesem Nationalismus zu widersprechen und zu erklären, warum damit welche Interessen verfolgt werden. Philipp Thers Buch über die Geschichte der Flüchtlinge im modernen Europa liefert Stoff für eine solche Diskussion. Wirklich entstehen aber muss sie erst noch.

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