Dativ statt Genitiv, Grunzen statt Goethe? Wer behauptet, dass die deutsche Sprachwelt verflache, offenbart nur, dass er nichts liest. Es ist ein dumpfes Ressentiment.
Noch gibt es auf deutschen Bahnhöfen den "Service Point". Geht es nach dem Willen von Rüdiger Grube, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, und von Peter Ramsauer, dem Verkehrsminister, soll die Aufschrift über dem Tresen demnächst wieder "Auskunft" heißen. Doch ist in den vergangenen Jahren so viel über den "Service Point" und die dazugehörige scheinbare Anglifizierung der Eisenbahn geredet und gespottet worden, dass der Ausdruck dennoch bleiben wird - nicht nur in der Erinnerung, sondern auch, weil er längst etwas anderes als "Auskunft" bedeutet.
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"Affensprache" nennen Sprachschützer die Verflachung des Deutschen. Das ist kein harmloses Wort, weil es allem entgegengeschleudert wird, was sich nicht dem Wunsch nach Reinigung der deutschen Sprache fügt. (© Foto: Robert Haas)
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Den Service Point wird kein deutsches Wort ersetzen können
Diese Mischung aus hilflosem Ehrgeiz und Kundenverachtung, aus Provinzialismus, Anmaßung und Beflissenheit, die in der Formel vom "Service Point" steckt, ist durch kein deutsches Wort zu ersetzen. Daher wird es dem "Service Point" vielleicht ergehen wie einst der "délicatesse" - die zwar von Johann Christoph Adelung als "Feingefühl" eingedeutscht wurde, und doch, für besonders spitzfingrige Verhältnisse, aber auch als ironischer Ausdruck, neben dem "Feingefühl", bestehen blieb.
Für die deutschen Sprachschützer, die sich im "Verein Deutsche Sprache" zusammengeschlossen haben, gehört das Wort "Service Point" zu einem Idiom, das sie "Affensprache" nennen. "Forscher sagen eine starke Verflachung unserer Sprache voraus", behauptet ihre Zeitschrift, die Deutsche Sprachwelt, in ihrer jüngsten Ausgabe (Frühling 2010): Anglizismen, "Kreolisierung", das Schwinden von Genitiv, Akkusativ und unregelmäßigen Verben, das Zusammenziehen von Wortgruppen zu neuen Einzelwörtern - all diese Erscheinungen seien Zeichen einer Entwicklung hin zu "Gestik und Grunzen", die eben unter diesem Titel "Affensprache" gefasst werden müsse.
Du Jane, ich Goethe
Die dieser Aufregung zugrunde liegende Überzeugung, der Wandel einer Sprache sei notwendig Ausdruck ihres Niedergangs, ließe sich zwar leicht widerlegen: Der israelisch-niederländische Sprachwissenschaftler Guy Deutscher hat unter dem Titel "Du Jane, ich Goethe. Eine Geschichte der Sprache" (München 2008) ein wunderbares Buch über die vermeintlichen Untergänge der Sprache veröffentlicht. Auch sonst gibt es keinen ernsthaften Gelehrten, der eine solchermaßen schlichte Lehre des Verfalls teilen würde. Und doch ist es erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich hier das dumpfeste Ressentiment in der Öffentlichkeit blicken lässt.
Denn "Affensprache" ist kein harmloses Wort. Nicht nur, dass es mit frischem Selbstbewusstsein neben die "Negerkultur" tritt, vor der im Jahr 1930 der Nationalsozialist Wilhelm Frick die Deutschen retten wollte. Sondern auch, weil das Schimpfwort, ohne Unterscheidung, allem entgegengeschleudert wird, was sich nicht dem Wunsch nach Reinigung der deutschen Sprache im Sinne ihrer selbsternannten Schützer fügt: den Sprachwissenschaftlern, die sich "professor of general linguistics" nennen, den Kreuzberger Migranten aus den arabischen Ländern, die nur schlecht Deutsch lernen, und nicht zuletzt den Deutschen selber, die ihren falschen Frieden mit der englischen Sprache schließen wollen.
Peter Ramsauer macht das Missvergnügen nicht geringer
Eine pöbelhafte Lust am Vergröbern, am Denunzieren und Herabsetzen, tobt sich in der Rede von der "Affensprache" aus, dass einem die Freude an der deutschen Sprache durchaus vergehen könnte. Und das Missvergnügen wird nicht geringer, wenn sich Peter Ramsauer, der Verkehrsminister, im selben Heft der Deutschen Sprachwelt dem Begehren nach Erneuerung der deutschen Sprache mit dem ganz und gar nicht schönen, aber sehr großsprecherischen Satz anschließt: "Die gedankenlose Verwahrlosung unseres wichtigsten Kommunikationsmittels kann und will ich nicht akzeptieren."
In zwei Richtungen wütet hier das Ressentiment: nach oben und nach unten. Oben, das ist die englischsprachige Welt, in der man sich behaupten muss, aber vielleicht fürchtet, nicht bestehen zu können. Unten, das ist die Sphäre der Migranten, die als Nutznießer, ja Räuber eines befriedeten Wohlstands erscheinen, den sie angeblich nicht verdient haben. In einer Mischung aus Angst und Wut, aus dem Gefühl von Minderwertigkeit und Trotz, spiegelt sich in der Rede von der "Affensprache" die Furcht eines bei weitem nicht nur linguistischen Mittelstands vor der Deklassierung - eines Mittelstands, der weiß, dass die Bindungskraft des Deutschen sich nicht mit der Attraktion des Englischen messen kann, sondern der internationalen Geltung der dahinterstehenden Nation entspricht: mittelgroß und mittelmächtig.
Und gewusst wird auch, dass die Europäer untereinander ihre Sprachen immer seltener lernen, weil es jenseits von allem das Englische gibt. Umso fataler aber wirkt sich die Bereitschaft zur Bosheit aus, mit der hier das Deutsche verteidigt werden soll. Denn wie soll sich einer für die deutsche Sprache, ihren Reichtum und ihre Schönheit, begeistern können, wenn da weder Reichtum noch Schönheit sind, sondern nur abstrakte Bekenntnisse und Beschimpfungen?
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum es sich mit dem Deutschen als Landessprache ähnlich verhält wie mit der ehelichen Treue.
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Frankreich braucht Energie vom Atommuffel Deutschland
1. In dem Artikel werden der "Verein Deutsche Sprache" (Dortmund) und die "Deutsche Sprachwelt" (Erlangen) verwechselt bzw. gleichgesetzt. Der Artikel basiert demnach auf mangelhafter Recherche und/oder Schlampigkeit, oder auf bewußter Irreführungsabsicht.
2. Da die SZ relativ viele Leser hat, wird es die unsere Sprache verteidigenden Mitglieder des "Vereins Deutsche Sprache" wie auch die Leser der "Deutschen Sprachwelt" freuen, dass die SZ mit solchen Artikeln - allerdings wohl unfreiwillig - Werbung für diese Bürgerbewegungen macht.
3. Viele Redakteure der SZ scheinen in einer Art von Wir-verbessern-die-Welt-Vorgabe gefangen zu sein. Daher fällt es schwer, Themen anzupacken, die auch nur entfernt mit unserer nationalen Identität oder nationalen deutschen (oder süddeutschen) Interessen zu tun haben. Um bei solchen Themen gegen die immense Konkurrenz der Internet-Blogs und Zielgruppen-Zeitschriften wie der "Deutschen Sprachwelt" mitzuhalten, werden offensichtlkich diese auch den "klassischen SZ-Leser" interessierenden Informationen dort abgegriffen - und zu solchen Artikeln verwurstelt. Dieser Schuss dürfte jedoch nach hinten losgehen, weil damit auch die Themen des "Vereins Deutsche Sprache" (VDS) und ähnlicher Organisationen in eine größere Öffentlichkeit getragen werden.
-gängen vergleicht.
Was bleibt ist, dass Sprachkritik lediglich die Äußerung eines Geschmackes ist und nichts, dessen Gegenstand man objektiv messen könnte.
*Diese Zeilen setzen meinen letzten Beitrag fort, dessen Ende durch die 2500-Zeichen-Beschränkung abgeschnitten wurde. An die Programmierer der Seite: Wie wäre es mit einer Anzeige der noch verfügbaren Zeichen?
Zunächst mal erfreut es mich, dass nicht alle Autoren auf den Zug Anglizismen-Bashing aufspringen und das Thema Sprachkritik (im weitesten Sinne) selbst kritisch betrachten.
Dennoch bin ich der Meinung, dass es wesentlich bessere Argumente gegen Sprachpurismus ála Deutsche Sprachwelt gibt, die man zum Festigen einer sprachkritik-kritischen Position heranziehen könnte, auch ohne in Punkte Godwin zu investieren.
Zum Einen wäre da die Beobachtung, dass Sprache dort grundsätzlich auf das Lexikon beschränkt wird. Sehen wir von einigen wenigen Ausnahmen ab, sind es fast ausschliesslich einzelne Wörter und idiomisierte Phrasen, die im Deutschen übernommen werden. Diese jedoch passen sich in die Grammatik, die einen wesentlich größeren Anteil an einer Sprache ausmacht, an. Das von meinem Vorkommentator erwähnte Handy hat z.B. die Pluralform Handys, das -s am Ende wird im Deutschen standardmäßig an alle Wörter gehängt, die auf einen Vokal enden; man sagt, dass das Plural-s produktiv ist, im Gegensatz zu anderen zu anderen Pluralendungen. Oder betrachtet man das Verb downloaden in der Perfektform, so sagt man nicht "ich habe downloaded" sondern man verwendet das dem Deutschen eigene ge: gedownloadet oder downgeloaded. Nur zwei Beispiele.
Etwas anderes ist die, auch von einem Vorkommentator angesprochene, Rechtschreibung: Diese ist kein Bestandteil der Sprache, auch wenn jeder Deutschlehrer etwas anderes behaupten würde. Sie ist vielmehr eine willkürliche Festlegung. Wenn man sich also über die Schreibung eines Wortes wie download beschweren möchte, dann sollte man das bei der Duden-Redaktion tun und nicht bei den Sprechern bzw. Schreibern der deutschen Sprache.
Zum Zweiten könnte man anmerken, dass keiner auf die Idee kommen könnte, das Englische als verflacht zu betrachten, auch wenn etwa 60% seines Wortschatzes aus dem Französischen entlehnt sind.
Zum dritten könnte man aufklären, woher der Begriff Affensprache in diesem Zusammenhang kommt. VDS-Chef Krämer hat dieses Bild m.W. in einem Fernsehinterview geprägt, als er von einer befürchteten Pidginisierung des Deutschen sprach. Pidginsprachen an sich sind aber keinesfalls etwas primitives, vielmehr bezeugen sie die enorme Leistungsfähigkeit des menschlichen Sprachvermögens. Alternativ könnte man zeigen, dass das Deutsche von einer Pidginisierung mit dem Englischen meilenweit entfernt ist, wenn man das (all)gegenwärtige Entlehnen von Fremdwörtern mit realen Pidginisierungsvor
Zunächst einmal möchte ich den beiden Nutzern Jurij Jens und floppy01 für ihre jeweiligen Beiträge danken. Zu floppys Bemerkung kann ich - leider nur ein Beispiel unter zu vielen - noch etwas aus meinem unmittelbaren Umfeld beisteuern:
Meine brasilianische Freundin belegt momentan, ganz ohne direktes Zutun meinerseits, an der Universität nebenher einen Deutschkurs (müsste dies nicht unbedingt, da wir uns in Portugal befinden und miteinander Portugiesisch sprechen). Aber natürlich habe ich sie, als sie mich nach meiner Meinung fragte, darin bestärkt. Nur leider werfen sowohl Lehrkraft als auch Lehrbuch oftmals mehr Fragen auf als zu beantworten; so wundert sie sich, wieso niemals Flughafen aber immer Airport, nie (und damit meine ich in manchen Texten nicht ein einziges Mal, aber immer mehrmals das Neudeutsche) Beruf oder bei anderer Bedeutung z.B. Stelle aber immer Job gesagt wird, weshalb man in Deutschland - bzw. auf deutsch - ausschließlich Parties und kein einziges mal eine Feier/Fete veranstalten darf usw. usw....
Als sie mich einmal so fragte, was denn bitte nochmal das deutsche Wort für Mobiltelefon sei, sagte ich: Mobiltelefon. Dann musste ich mich erst einmal fünf Minuten rechtfertigen, wieso ich denn jetzt bitte schön nicht Handy sage (die dümmsten Wörter lasse ich, wie Gott sei Dank anscheinend immer noch ein paar andere Menschen auch, weg), weil es laut der deutschen Dozentin (!) obligatorisch (!) sei, diesen Term zu verwenden...das sagt noch nicht 100%ig alles, aber doch schon ganz schön - oder weniger schön - viel über uns aus...
Den ständigen pseudo-Englisch-Globalisierung-wichtig-sonst-nix-mehr-anderes-Unkenrufern sei gleich gesagt: Auch ich plädiere selbstverständlich für Fremdsprachenkenntnisse, und spreche selbst auch Englisch (und Französisch), es geht mir nur darum, denjenigen, die nur oberflächlich über den Tellerrand blicken, zu zeigen, dass wir uns eben grade im Ausland schön lächerlich machen und dies doch endlich mal auch hier zulande einsehen sollten.
Also, wenn wir hier ueber 'Affensprache' diskutieren wollen, dann: OETTINGER. Das beste Beispiel fuer jemanden, der nicht mal deutsch, geschweige denn englisch parlieren (franz.!!) kann (und ich bin Schwabe und hasse ihn).
Da war mal ne Untersuchung ueber Dialekt in der Schule. Dialekt erleichtert sogar das Erlernen einer Fremdsprache, da die erste 'Fremdsprache' bereits im Deutschunterricht gelernt wird (Deutsch).
Liebe Schulaemter, mal drueber nachdenken (meine Mutter kriegte im Staatsexamen Abzug, da sie Faecher wie Erdkunde, nicht Deutsch, im Dialekt unterrichtet hat)
Paging