Neues Buch von Martin Walser Meine Feinde

Blick in die Welt, Blick ins Ich: "Ich blühe in jeder Blume. Ich töne in jedem Vogelgesang."

(Foto: Regina Schmeken)

"Ich huste, also bin ich": Martin Walser schreibt in "Statt etwas oder Der letzte Rank" ein sehr intimes, unversöhnliches Lebens-Resümee.

Von Burkhard Müller

Martin Walser, das ließe sich ohne allzu große Übertreibung behaupten, hat, auch wo er von etwas ganz anderem zu sprechen schien, zuletzt immer von sich selbst gesprochen. Als hierfür bevorzugtes Mittel hatte er den Roman verwendet, dessen jeweiliger Protagonist gegenüber dem vom letzten Buch ungefähr im selben Maß älter wurde, wie auch sein Autor gealtert war. So ist das nun schon sechzig Jahre lang gegangen; und Walsers Bücher haben dabei immer persönlicheren Charakter angenommen.

Sie entwickelten sich zu einer Privat-Literatur, einem widersprüchlichen Begriff, denn zur Literatur gehört ja immer die mitgedachte Öffentlichkeit. Diese bestand zwar formal fort, insofern Walser seine Werke in den Druck gab. Aber eigentlich handelte es sich bei diesen Büchern zunehmend um Selbstgespräche, die nicht mehr nahmen, was der seiner eigenen Einschätzung nach "zustimmungssüchtige" Autor viel zu lang genommen hatte: Rücksicht auf die anderen. Die Öffentlichkeit durfte zuhören, wenn sie wollte; doch sie wurde nicht ermutigt, etwas zu erwidern. Das musste der Leser akzeptieren oder ablehnen. Literarische Kritik im landläufigen Sinn läuft hier ins Leere.

Die schreibende Instanz tritt in drei Personen auseinander wie die göttliche Dreifaltigkeit

Walsers neuestes Buch geht nun einen Schritt weiter. Die äußere Form des Romans, der immerhin noch tat, als befasse er sich mit den Schicksalen eines Dritten, hat es abgestreift und sagt nun unumwunden "ich", zuweilen auch, mit verschobenem Aspekt, "du" oder "er" - die schreibende Instanz tritt in drei Personen auseinander wie die göttliche Dreifaltigkeit, die dennoch ein einziges Wesen bleibt. Aber eine Autobiografie ist es auch nicht, denn das erzählende Element wird völlig zurückgedrängt; eher eine Meditation über ein langes Leben und über die Haltung, die dieses Ich an dessen Ende beziehen möchte.

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Die immer wieder in Erinnerung gerufene Ausgangssituation besteht darin, dass das Ich auf eine musterlose Wand blickt. Angestrebt wird also Entleerung und dadurch Befriedung des Geistes, wie die Lehre vom Zen sie praktiziert. Doch wer lang genug ins Musterlose sieht, dem drängen sich darin Figuren auf, unwiderstehlich. So wenigstens ergeht es dem eigensinnigen Walser, dem immer wieder ein alter Groll den Weg ins lächelnde Nichts versperrt: das wohlbekannte Walsersche Ressentiment. Walser hat seinem Buch den nirwanahaften Titel "Statt etwas" gegeben, jedoch nicht, ohne sogleich im Untertitel anzuschließen: "Oder Der letzte Rank". Falls jemand diesen alten Singular zu "Ränke" nicht kennen sollte, wird er aus dem Grimmschen Wörterbuch belehrt: ein Trick sei es, speziell der Haken, den der Hase schlägt, um die Hunde abzuschütteln. Gleichmut ist List im ungleichen Kampf. Wer meditiert, braucht ein Mantra, um das er die Gedanken kreisen lässt. Im Fall Walsers lautet es, gleich am Anfang: "Mir geht es ein bisschen zu gut." Damit ist einbekannt, dass bei diesem Exerzitium auch der Übermut seine Rolle spielt, das Gegenteil also der eigentlich erforderten Demut.

Zen ohne Demut - kann das funktionieren? Für den Leser, der aus der Ferne teilnimmt, ergibt diese eigentümliche Vermischung der Sphären jedenfalls eine anregendere Lektüre, als wenn es hier von allgemeinen Sentenzen säuselte. Das ist nicht ohne Komik, wenn sich die Brummtöne in die Versenkung mischen; aber ebenso nicht ohne Humor, in dem zuletzt Besinnung die Oberhand behält. Zum Buddha wird Walser dabei bestimmt nicht. "Ich huste, also bin ich": Das ist ein ebenso origineller wie schlagender Existenzbeweis, überzeugender gewiss als das cartesianische "Ich denke, also bin ich", denn nichts besitzt ja solche Daseins-Evidenz wie das lästige physische Widerfahrnis, das den ganzen Körper ergreift.