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Zeitgeist:Wie schrecklich muss die Gegenwart sein

Zu wenig Platz für Probleme: Die Serie "Travelers".

Seit drei Monaten sind dank Netflix die "Travelers" unter uns, Zeitreisende, die aus der Zukunft in unsere Gegenwart kommen und sich in Menschen inkorporieren, die gerade sterben.

(Foto: Jeff Weddell/Netflix)

Ob Globalisierung, Entzauberung der Welt oder düstere Zukunftsprognosen: In neuen Büchern, Filmen und Serien wandert die Menschheit gerade aus der Gegenwart aus.

Liegt es an den beeindruckend düsteren Zukunftsaussichten? Ist die dreidimensionale Welt so extrem zusammengeschrumpft, dass nirgends mehr echte Abenteuer und fremde Welten auf uns warten? Oder gibt es ein drängenderes Bedürfnis als früher, die Geschichte doch bitte so umzuformen, dass der gegenwärtige Schlamassel in Richtung Schlaraffel umgeschrieben werden kann? Wie auch immer - 2016 hat eine kollektive imaginäre Auswanderungswelle stattgefunden. Nicht in andere Kontinente oder Breiten, sondern entlang des Zeitstrahls. Hauptsache weg aus der Gegenwart, in eine ferne Zukunft oder irgendwelche Kapitel der (meist amerikanischen) Vergangenheit.

Ja, es sind momentan so viele Serienhelden in diversen Vergangenheiten unterwegs, es gibt gleichzeitig dermaßen viele Besucher aus künftigen Zeiten, dass Netflix und die anderen Studios mal überlegen sollten, ob sie nicht irgendwo auf der Zeitachse Raststätten einrichten. In diesen Times Squares oder Stundenhotels könnten sich all die Frequent Travellers austauschen über den Schmetterlingseffekt, die besten Wurmlöcher und die schönsten Epochen, in die sich eine Reise lohnt.

Was neue Serien eint: Die Zeitreise wird nicht groß erklärt, sie ist einfach da

Seit drei Monaten sind dank Netflix die "Travelers" unter uns, Zeitreisende, die aus der Zukunft in unsere Gegenwart kommen, sich in Menschen inkorporieren, die gerade sterben, und in dieser fremden Hülle versuchen, unsere Zeit zu manipulieren, um eine spätere Apokalypse abzuwenden. Ungefähr zur gleichen Zeit startete auf NBC die Serie "Timeless", die Stippvisiten in verschiedenen Epochen der amerikanischen Geschichte unternimmt. Es gibt da diesen ehemaligen CIA-Agenten, der böse wurde und den Prototypen einer Zeitmaschine gestohlen hat. Jetzt fährt er kreuz und quer in der Zeit herum, um die amerikanische Geschichte grundlegend zu verändern. Ein Techniker, ein Soldat und eine Geschichtslehrerin jagen ihm in einem zweiten Prototypen hinterher.

Die drei hätten sich im dritten Teil der Serie, der 1962 spielt, mal umschauen können, ob ihnen Jake Epping über den Weg läuft, die Hauptfigur der Serie "11/22/63", die auf dem gleichnamigen Roman von Stephen King basiert: Ein Geschichtslehrer findet heraus, dass es in seinem Lieblings-Diner ein Wurmloch gibt, durch das er in das Jahr 1960 reisen kann. Er versucht nun, Harvey Oswald in der Zeit vor dem Kennedy-Attentat zu finden und so die Ermordung des Präsidenten zu verhindern.

Um einen ähnlichen Eingriff in die Geschichte geht es in der Serie "Frequency", die in den USA fast gleichzeitig mit "Travelers" und "Timeless" anlief: Darin entdeckt eine New Yorker Polizistin, dass sie über ein altes Radio mit ihrem toten Vater in Kontakt treten kann, der ebenfalls Polizist war. Die beiden versuchen, quer durch die Zeit gemeinsam einem Mörder das Handwerk zu legen. Da die Tochter aber auch im Nachhinein das Leben ihres Vaters rettet, verursacht sie genauso komplexe Kettenreaktionen, wie sie Jake Epping auslösen würde, wenn er tatsächlich Kennedys Ermordung verhindern könnte.

Man könnte ewig so weitermachen: Der wackere Doktor Who, der jede Woche in seiner telefonzellenartigen TARDIS-Kiste für die BBC quer durch Zeit und Raum rauscht; die Netflix-Mystery-Serien "Stranger Things" und "The OA", die beide mit dem Raumzeitkonzept und der Möglichkeit von alternativen Zeitsträngen oder Paralleluniversen spielen. Und ab Februar versuchen zwei Historiker in der Serie "Making History" Zeitreise und Comedy miteinander zu verquicken: Ein Professor erfindet mithilfe einer Sporttasche eine Zeitmaschine, die ihn und seinen schwarzen Kollegen ins Massachusetts von 1775 bringt. Eigentlich wollen sie dort nur ein paar Kleinigkeiten ändern, um ihr heutiges Leben zu verbessern. Dann aber beginnt einer der beiden eine Affäre mit der Tochter des Freiheitskämpfers Paul Revere. Und es ist verblüffend zu sehen, dass anscheinend schon die Kneipenbesucher des 18. Jahrhunderts unseren schnellen Sitcomhumor hatten.