Der Countdown (XIV)  BBC: Brexit Broadcasting Corporation

Hommage an die vom BBC produzierte TV-Serie Doctor Who.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Großbritannien erfährt in der Berichterstattung des BBC eine bizarre Stilisierung zum Anführer einer Freiheitsbewegung. Doch woher kommt diese Brexit-Hörigkeit?

Brexit-Kolumne von Alexander Menden, London

Beim Lunch mit einem BBC-Moderator kam letzthin die Frage auf, ob man nun eigentlich als Brite den Brexit unterstützen müsse, unabhängig davon, ob man vorher für oder gegen den EU-Austritt war. "Ich fände es nicht so schlimm, wenn sie damit scheitern würden", gestand er, und rührte verlegen in seinen Nudeln herum. Es war fast beruhigend, zu hören, dass noch Menschen bei der BBC arbeiten, die es sich zumindest in kleiner Runde erlauben, etwas Brexit-Skeptisches zu äußern.

Betrachtet man nämlich die offizielle Berichterstattung des Senders über so ziemlich alles, was mit der EU zusammenhängt, könnte man manchmal den Eindruck gewinnen, die BBC sei zur Brexit Broadcasting Corporation mutiert. Wann immer es etwa um Wahlen in einem europäischen Land geht, wird darüber spekuliert, ob die Wähler "dem Weg folgen werden, den die Briten mit dem EU-Referendum gewiesen haben". Großbritannien erfährt so eine bizarre Stilisierung zum Anführer einer Freiheitsbewegung, die Europa vom EU-Joch erlöst. Auch Live-Fragerunden scheinen nie komplett zu sein, wenn nicht Brexit-Clown Nigel Farage dabeisitzt, der kein britisches Amt bekleidet und mittlerweile nicht mal mehr Ukip-Chef ist.

Schiffbruch mit Briten

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Besonders erstaunlich ist die Rolle des ehemaligen politischen Chefkorrespondenten Andrew Marr. Nicht genug damit, dass er in seinen BBC-Polittalk überproportional viele europafeindliche Gäste einlädt, in einem Artikel für den New Statesman wiederholte er auch den Unsinn von einem Land, das nach dem Brexit "viel mehr Macht über seine eigene Regierungsführung" haben werde. Der vorauseilende Gehorsam, mit dem sich ein durch Gebühren mitfinanzierter, zur Ausgewogenheit verpflichteter Sender und einige seiner Angestellten offen in den Dienst des Brexit-Projekts stellen, ist bestürzend.

Die Brexit-Hörigkeit stellt ein Schulbeispiel für Überkompensation dar

Völlig überraschend ist er aber nicht. Wie alle auf öffentliches Geld angewiesenen britischen Einrichtungen steht die BBC unter beständigem Druck, ihre Existenz zu rechtfertigen. Der Vorwurf der "liberalen Voreingenommenheit" begleitet sie auf Schritt und Tritt. Die Brexit-Hörigkeit stellt ein Schulbeispiel für Überkompensation dar. Wenn wir die Brexiteers ganz oft zu Wort kommen lassen, dürfte die Kalkulation lauten, dann kann uns keiner vorwerfen, die "gemeinsame nationale Anstrengung" zu sabotieren, zu der die Regierung den EU-Ausstieg erklärt hat.

Diese Taktik verfehlt allerdings völlig ihren Zweck: Gerade haben mehr als 60 konservative Parlamentarier die BBC in einem offenen Brief bezichtigt, "pessimistisch und verzerrend" über den Brexit zu berichten. "Wir fürchten", so das Schreiben, "dass die BBC unsere Bemühungen, eine neue, globale Rolle für unser Land zu schaffen, dadurch unterminiert, dass sie dieses Land als fremdenfeindlich darstellt oder so tut, als bereue es die Entscheidung, die EU zu verlassen." Sprich: Solange die BBC nicht auch den letzten schüchternen Versuch einstellt, die Realität abzubilden, werden wir sie weiter als fünfte Kolonne betrachten.