Der Countdown (XIII) Schiffbruch mit Briten

Worüber die Briten auch noch abstimmen: ein ferngelenktes Tauchfahrzeug, das wie ein Zäpfchen aussieht.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

In Großbritannien werden wichtige Entscheidungen immer öfter vom Volk getroffen. Zum Beispiel, wie ein Polarschiff heißen soll.

Brexit-Kolumne von Alexander Menden, London

Bedeutende Entscheidungen werden im Vereinigten Königreich immer öfter per Volksabstimmung gefällt. Ein paar Monate vor dem EU-Referendum wollte zum Beispiel der Umwelt-Forschungsrat, das Natural Environment Research Council (NERC), in einer Online-Wahl demokratisch den Namen für ein neues Polarforschungsschiff ermitteln. Mehr als 7000 Vorschläge britischer Bürger gingen ein. Am Ende setzte sich der Name "Royal Research Ship Boaty McBoatface" (Königliches Forschungsschiff Bötchen McBootsgesicht) durch. Er erhielt 124 109 Stimmen, 89 738 mehr als der zweitplatzierte "RRS Poppy-Mai" - übrigens eine deutlich klarere Mehrheit als die der Leavers im EU-Referendum.

Sie taufen ein Wasserfahrzeug, das aussieht wie ein Zäpfchen

Daraufhin entspann sich eine Debatte darüber, ob man einem 200 Millionen Pfund teuren Schiff einen derart bescheuerten Namen geben dürfe. NERC-Chef Duncan Wingham zierte sich, Kulturminister Ed Vaizey forderte, "den Willen des Volkes umzusetzen"; es gab sogar einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Schließlich entschied Staatssekretär Jo Johnson, dass ein wissenschaftliches Wasserfahrzeug tatsächlich dem Abstimmungsergebnis gemäß zu taufen sei. Vergangenen Freitag ging Autosub LR Boaty McBoatface auf Jungfernfahrt. Es handelt sich um ein dreieinhalb Meter langes, gelbes, unbemanntes U-Boot, das nun unterseeische Turbulenzen vor der Küste Chiles erforscht. Das Schiff, das eigentlich "Boaty McBoatface" heißen sollte, wird in zwei Jahren vom Stapel gehen, und zwar mit dem Namen "RRS Sir David Attenborough", für den niemand gestimmt hat.

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Schauen wir uns den Vorgang noch einmal kurz an. "Das Volk" stimmt für "Boaty McBoatface". Es erwartet ein 125 Meter langes 1500-Bruttoregistertonnen-Schiff mit einer Höchstgeschwindigkeit von 13 Knoten und einer Maximalbesatzung von 90 Mann. Es bekommt ein ferngelenktes Tauchfahrzeug, das wie ein Zäpfchen aussieht. Diese Diskrepanz zwischen Wunsch und Ergebnis sollten alle Brexiteers im Hinterkopf behalten, die dem Beginn der Austrittsverhandlungen am 29. März freudig entgegenfiebern.