Das Erbe der "Böhsen Onkelz" "Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land"

Die Popkultur der Neonazis erfindet sich stets neu: Seit sich die Erfolgsband "Böhse Onkelz" vom Rechtsradikalismus losgesagt hat, springen vermeintlich unpolitische Bands in die Bresche des "Identitätsrocks". Die Südtiroler Band "Frei.Wild" ist eine davon - und erobert mit Nationalismus die großen Bühnen.

Von Thomas Kuban

"Süüüd-tiii-roool!" Gebrüllt aus 12 000 Kehlen, vor einigen Wochen in der Stuttgarter Schleyerhalle. Die Band Frei.Wild aus eben jenem Südtirol war mit ihrer "Die Welt brennt"-Tour durch deutsche Großstadt-Hallen unterwegs - Frankfurt, Stuttgart, Dresden, Hamburg. Die Botschaft der norditalienischen Deutschrocker ist völkisch und nationalistisch geprägt. Das "Heimatland" besingen sie als "Herzstück dieser Welt", auf das "schon unsere Ahnen mächtig stolz" gewesen sind: "Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik, an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist."

Der Gruppe ist es gelungen, sich bei Rockfestivals wie in Wacken zu etablieren, mit Identitätsrock, einem Genre, das aus der Neonazi-Szene bekannt ist. So erklärte die inzwischen aufgelöste Esslinger Rechtsrock-Initiative "Identität durch Musik", der deutsche Ableger der europäischen Identitätsrock-Bewegung: "Die Identitätsrock-Bands verfolgen das grundsätzliche Ziel, mit ihren Texten Denkanstöße zu politischen Problemen zu geben, nationale Inhalte zu vermitteln und dabei diese Inhalte so weit wie möglich aus der politischen Isolation herauszubekommen."

Die Heimat-Hymne "Südtirol" ist laut offizieller Band-Biographie in "den letzten Wochen der Kaiserjäger geboren". Sänger der Skinhead-Gruppe Kaiserjäger war Philipp Burger, der heutige Frei.Wild-Frontmann. Den Schlusspunkt in der Kaiserjäger-Geschichte setzte ein Konzert, das in einer Massenschlägerei zwischen Deutsch und Italienisch sprechenden Neonazis endete. Und das in einer Phase, über die es in der Frei.Wild-Biographie heißt: "Ohne es zu merken, entfernt sich Philipp von der Szene und ändert seine Einstellung."

Er und seine Freunde hätten sich in der Pflicht gesehen, die Veneto Fronte zu dem Konzert einzuladen, eine italienische Skinhead-Bewegung. Bei deren Veranstaltungen dürften auch Punk-Bands auftreten. "Alles ist erlaubt: Skins, Faschisten, Rockabillys, Punks." Die Veneto Fronte Skinheads sind jedoch keineswegs so weltoffen, wie in der Frei.Wild-Biographie dargestellt. Es handelt sich um eine Neonazi-Truppe, die den "Blood & Honour"-Divisionen anderer europäischer Länder vergleichbar ist. Auf ihren Festivals spielen Bands wie die Bully Boys, die für Holocaust verherrlichende Titel wie "Six Million More" und "Fire Up The Ovens" bekannt sind.

"Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier"

Die Kaiserjäger sollen sich nach besagtem Konzert im Februar 2001 aufgelöst haben. Frei.Wild gibt es seit September 2001. Im Sommer 2008 heißt es auf der Bandseite im Internet: "Frei.Wild ist frei von politischen Einflüssen und wird auch in Zukunft keine politische Richtung unterstützen." Im Herbst kommt jedoch heraus, dass sich Burger für die "Freiheitlichen" engagiert, die damals nicht nur "Südtirol zuerst" fordert, sondern auch einen Einwanderungs-Stopp. Die Freiheitlichen sind eine Art Südtiroler Schwesterpartei der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), und wie herauskommt, gehört Burger ihrer Bezirksgruppe Eisacktal an.

Die Partei wird in Deutschland zum Image-Problem für die Band: Frei.Wild verlieren ihren Manager und ihre Plattenfirma. Dreieinhalb Jahre später ist die Band angeblich wieder unpolitisch: "Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten. Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier." Das singt Burger in seinem Lied über "Das Land der Vollidioten", als dass er bei seinem Stuttgarter Auftritt Südtirol, Österreich, die Schweiz und Deutschland gleichermaßen bezeichnet.

Frei.Wild hat die Marktlücke besetzt, welche die Böhsen Onkelz nach ihrer Auflösung hinterlassen haben. Die hatten ihre Neonazi-Vergangenheit in den achtziger Jahren offiziell hinter sich gelassen, um dann mit Plattenverkäufen und Konzerten Kasse zu machen. In einem Onkelz-Song heißt es: "Mit scheinheiligen Liedern erobern wir die Welt." Das gelang ihnen, obwohl ihre CDs von manchen Plattenläden nicht verkauft, ihre Lieder nicht im Radio gespielt und ihre Musik-Videos nicht im Fernsehen gezeigt wurden.

Obwohl einigen Neonazis sie als Verräter verachten, werden alte Onkelz-Scheiben bis heute auf manchen Konzerten des Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" gehandelt. Als Rarität gilt beispielsweise das VHS-Video des Szene-Labels Rock-O-Rama, das die Onkelz am 9. November 1985 bei einem Auftritt im Berliner Bunker der Neonazi-Band Kraft durch Froide zeigt, am Jahrestag der Reichspogromnacht, garniert mit massenhaft Hitlergrüßen aus dem kahlköpfigen Publikum.

Seit dem Abschiedskonzert der Onkelz anno 2005 verdient ein Heer von Coverbands Geld mit den Fans, die jährlich zu Tausenden zur G.O.N.D. pilgern, zur "Größten Onkelz-Nacht Deutschlands". Frei.Wild war dort bis zuletzt Stammgast, obwohl keine Onkelz-Songs mehr zum Bandprogramm gehören. Nur das Bekenntnis der Südtiroler: "Böse Menschen, böse Lieder, Ihr habt Recht behalten, Onkelz immer wieder."