Comic "Mein Leben mit Mr. Dangerous" Auch Loser verdienen ein Happy End

Im Kontrast zu den strahlenden Superhelden des Mainstreams: Amy ist dicklich und hat Probleme mit Männern. Sprechende Eiscreme macht sie dann auch noch auf ihren sexuellen Frust aufmerksam - der Comic "Mein Leben mit Mr. Dangerous" erzählt eine typische Losergeschichte. Doch auch solche verdienen ein Rundum-Happy-End.

Von Christoph Haas

Jeder der wichtigen nordamerikanischen und kanadischen Comic-Künstler, die in den vergangenen zwanzig Jahren bekannt geworden sind, hat seine speziellen Vorlieben. Charles Burns und Daniel Clowes spüren, jeder auf seine Weise, das Abgründige im Alltag der Suburbs auf; der große Stichwortgeber ihrer Werke ist David Lynch.

Probleme mit den Männern: Amys garstiger Freund Eric macht mit ihr am Telefon Schluss; Michael, den sie heimlich liebt, ist leider gerade nach San Francisco gezogen.

Seth und Craig Thompson sind die Romantiker: Der eine träumt sich nostalgisch-melancholisch in die populäre Kultur der Zwanziger bis Fünfziger zurück, der andere ist der Sänger der großen, unerfüllten Liebe. Chester Brown und Joe Matt dagegen schreiben das Erbe von Robert Crumb fort: In ihren autobiografischen Arbeiten entblößen sie hemmungslos ihre sexuellen und psychischen Nöte.

Und Paul Hornschemeier? Er ist von allen vielleicht der klügste; zumindest aber ist er der raffinierteste und trickreichste Erzähler. In seinem Debüt "Komm zurück, Mutter" (2004) versucht ein kleiner Junge mit dem Krebstod seiner Mutter zurechtzukommen. Der Comic ist unsagbar traurig und herzzerreißend, treibt zugleich aber ein Verwirrspiel, das den Leser lange rätseln lässt, ob er es hier mit Fiktion, einer true story oder einer Mischung aus beidem zu tun hat.

Ebenso vielschichtig ist "Die drei Paradoxien" (2007). Vordergründig geht es in diesem Band nur um die Schaffenskrise eines Comic-Zeichners, der mit einem Projekt, an dem er sitzt, nicht so recht vorankommt; in Wahrheit aber reflektiert Hornschemeier über das komplexe Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit sowie über die Strategien von Erinnerung und Phantasie.

In "Mein Leben mit Mr. Dangerous" gibt es nun erstmals eine weibliche Hauptfigur. Amy ist 26, weiß, dicklich und unsicher. Sie lebt alleine mit Moritz, ihrer Katze, und ernährt sich vorzugsweise von Eiscreme und Kost aus der Mikrowelle. Sie schaut viel Fernsehen, am liebsten eine surreale Zeichentrickserie, in der Mr. Dangerous, eine lebende Holzfigur, sich mit dem jähzornigen Farmer Greg herumschlagen muss. Sie hat einen langweiligen Job in einem Bekleidungsgeschäft, dazu eine nervige, geschiedene Mutter, die wie eine ältere Ausgabe ihrer selbst aussieht und in einem ähnlichen Bekleidungsgeschäft arbeitet. Und vor allem hat Amy Probleme mit den Männern: Eric, ihr garstiger Freund, macht mit ihr am Telefon Schluss; Michael, den sie heimlich liebt, ist leider gerade nach San Francisco gezogen.

Reiz des weniger Ausgetüftelten

Mein Leben mit Mr. Dangerous" erzählt eine der typischen Slacker- und Loser-Geschichten, wie sie, als Kontrast zu den strahlenden Superhelden des Mainstreams, in amerikanischen Indie-Comics so häufig zu finden sind.

Im Vergleich zu seinen ersten beiden Graphic Novels hat Paul Hornschemeier den künstlerischen Anspruch also ein Stück weit zurückgeschraubt; vielleicht hat ihn diesmal aber auch einfach das Schlichte, weniger Ausgetüftelte gereizt. Ein paar Highlights gibt es allerdings schon. Zu ihnen gehören Amys Träume und Phantasien, für deren Wiedergabe Hornschemeier seinen fast piktogrammartigen Stil ins Zeichentrick- und Funnyhafte spielen lässt.

So etwa in einer nächtlichen Szene vor einem Eissalon: Da erwacht eine Eiskugel zu einem Wesen, das teils Sperma, teils Phallus ist und von Amy erst verschlungen werden will, bevor es sie selbst verschlingt. Das ist zugleich komisch und bedrohlich, und es zeigt präzise, welche Probleme die frustrierte junge Frau mit ihrer Sexualität und ihrem Körper hat. Und noch etwas ist ungewöhnlich an "Mr. Dangerous": Amy darf ein unerwartetes Rundum-Happy-End erleben. Ganz so, als wollte Hornschemeier, auch mit etwas Selbstironie, sagen: Meine Güte, so trist muss es ja nicht immer zugehen!

Paul Hornschemeier (Text und Zeichnungen): Mein Leben mit Mr. Dangerous. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Pröfrock. Carlsen Verlag, Hamburg 2012. 159 Seiten, 19,90 Euro.