Für evangelikale Christen gibt es in den USA eine ganze Medienindustrie. Sie soll vor dem Kontakt mit Pornographie, Homosexualität und Evolutionslehre schützen. Aber nicht vor der Krise.
Adam R. Holz ist Filmkritiker, er kämpft mit sich und James Camerons Science-Fiction-Spektakel Avatar, Zeile für Zeile. Er findet den Film ziemlich gut, aber darum allein geht es ja nicht. Da ist zum Beispiel die Figur, die Sigourney Weaver spielt. "Dr. Augustine raucht oft und trinkt ein Glas Alkohol", stellt Holz fest. Aufgestoßen sind ihm auch nackte Aliens und "eine Pilotin in einem engen Tank-Top". Zehn missbräuchliche Verwendungen des Namen des Herrn hat er gezählt, "sechs davon in Verbindung mit dem Wort verdammt". Und zu allem Überfluss: "Drei Mal Slang für das männliche Geschlecht".
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Bei CBN (Christian Broadcasting Network) geht es aktuell um die Frage, ob sich für den Buddhisten Tiger Woods nicht die Taufe empfiehlt. (© Foto: reuters)
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Kritiker Holz hat eine sehr sensible Leserschaft. Er schreibt für Pluggedinonline.com, das Filmportal von Focus on the Family, einer der bedeutendsten Organisationen der religiösen Rechten in den USA. Er schreibt, was evangelikale Christen interessiert. Seine Leser pflegen eine persönliche Beziehung zu Gott. Sie glauben, mehr oder minder, an die wörtliche Wahrheit der Bibel. Sie wollen im Kino keine nackten Aliens sehen und auch keine angezogenen Menschen beim Fluchen. Pluggedinonline.com hat nach eigenen Angaben mehr als 800 000 Besucher im Monat.
Wohl knapp 40 Prozent der Amerikaner sind Evangelikale. Sie sind eigentlich keine geschlossene Gruppe, theologisch wie politisch gibt es unter ihnen Konservative und Liberale. Aber viele von ihnen leben in einer geschlossenen Welt, die sich erst jetzt langsam öffnet. Diese christliche Gegenkultur soll die Übel einer Gesellschaft fernhalten, die Gott vergessen hat. Sie soll schützen vor dem Kontakt mit Pornographie, Homosexualität und Evolutionslehre.
Die Evangelikalen schicken ihre Kinder auf christliche Schulen, sie gehen zu christlichen Ärzten und kaufen in christlichen Läden. Und natürlich lesen sie christliche Zeitungen, schauen christliche TV-Sender und tauschen Internetvideos und Gebete bei tangle.com, das anfangs GodTube hieß. Denn draußen versteckt sich überall die Verderbnis. Vor ein paar Jahren erklärte der Reverend Jerry Falwell den Teletubby Tinky Winky für homosexuell. Er berief sich dabei im Wesentlichen darauf, dass Lila eine ziemlich schwule Farbe sei.
Es gibt weit mehr als 2000 religiöse Radiostationen in den USA und sechs nationale Fernsehsender. Der Größte, das 1961 vom rechten Scharfmacher Pat Robertson gegründete Christian Broadcasting Network (CBN), hat circa 1000 Mitarbeiter und erreicht im Schnitt eine Million Haushalte. Die Nachrichten bei CBN sind professionell gemacht, aber originell gewichtet. Da geht es breit um den Missionar, der in Nordkorea beim Versuch verschütt ging, Kim Jong Il zu missionieren, und dann um die Frage, ob sich für den Buddhisten Tiger Woods aktuell nicht die Taufe empfiehlt.
Die virtuose Nutzung von Radio und Fernsehen war ein wesentlicher Grund für den Erfolg evangelikaler Prediger nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute hat jede größere Kirche ein Mitgliedermagazin, eine Fernsehshow und eine Webseite. Und die Macht dieser christlichen Medienindustrie reicht nicht nur weit in die Politik hinein. Dass etwa Mel Gibsons blutrünstiger Film Die Passion Christi zum Blockbuster avancierte, wird ihrem Wirken zugeschrieben.
Doch inzwischen bröckelt die Macht, die geschlossene Welt hat Risse bekommen - durch die Schockwellen der Medienkrise. Sie trafen vor allem die evangelikale Printbranche. In den vergangenen beiden Jahren musste ein gutes Dutzend renommierter Zeitschriften den Druck einstellen, etwa CCM ("Christ, Community, Music"), der Rolling Stone der frömmelnden Musik. Und auch Today's Christian Woman schloss, nachdem das Magazin evangelikalen Frauen 30 Jahre lang nahegebracht hatte, wie Glaube, Familie und weibliche Bedürfnisse unter einen schicken Sonntagshut gehen. Today's Christian Woman und CCM gibt es heute nur noch in abgespeckten Online-Versionen.
Ein Grund für die Probleme ist wohl, dass auch der Mainstream den religiösen Markt entdeckt hat. Die großen Networks produzieren Serien mit spirituellem Schimmer, und Rupert Murdochs krawalliger Sender Fox News beschäftigt den Schuldnerberater Dave Ramsey, der Jesus als "größten Finanzexperten aller Zeiten" preist. Aber dass diese neuen Angebote überhaupt Akzeptanz finden, weist auf eine grundlegende Veränderung im christlichen Amerika: auf einen modernen Typus des Evangelikalen.
"Neue Evangelikale" nennt man diese Gruppe in den USA. Ihre Angehörigen sind liberaler, sie kämpfen nicht mehr militant gegen Abtreibung, sondern für Umweltschutz. Vor allem aber sind sie: selbstsicher in ihrem Glauben. Sie müssen nicht mehr beschützt werden vor der Verkommenheit der Welt. Sie filtern ihre Informationen selbst, sie sind auf gottgefällige Medien nicht mehr angewiesen. Moderne evangelikale Frauen lesen Cosmopolitan und entwickeln trotzdem kein Bedürfnis nach Promiskuität. Moderne Evangelikale gucken sogar Avatar - und vergeben Hollywood, dass es offenbar nicht den gleichen Respekt vor dem Namen des Herrn hat wie sie.
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(SZ vom 08.01.2010/iko)
Schuldenkrise in Griechenland
ihr zu entziehen. Das ist natürlich keine Meldung wert, lassen sie doch kaum zu, unter dem in unseren Breitengraden miß- und unverstandenen *Schlag*wort "evangekal" süffisant abgewatscht zu werden. Ich fürchte, das ist auch weiterhin die eigentliche Zielrichtung nicht nur der Süddeutschen Zeitung in der Sparte "Christentum - Evangelisch": abzuwatschen, statt sachlich zu informieren. Womit wir wieder bei oben genanntem kleinerem Problem wären. Das verdeutlicht lediglich einmal mehr den - für manchen Leser vielleicht überraschenden - Sachverhalt, daß Ahnungslosigkeit und Desinformation oft genug zu Entfremdung vom christlichen Glauben führen (und manchmal auch Folge dieser Entfremdung sind), statt Merkmal dieses Glaubens zu sein.
... dann erklärt man schon mal knapp die Hälfte der Amerikaner zu Evangelikalen, die alle mehr oder weniger in einer nach außen hin abgeschotteten Welt leben. Christliche Jetis sozusagen.
Das größte Problem deutschsprachiger Berichterstatter, die über die evangelikale Bewegung schreiben, ist nicht, daß sie oft selbst ein ziemlich verkrampftes Verhältnis zu Glaube und Religion im allgemeinen haben und mit ihren Artikeln nur allzu offensichtliche Komplexbewältigung betreiben. Ihr größtes Problem ist in der Regel ihre (ebenfalls jedem Journalistenethos zuwiderlaufende) Ahnungslosigkeit.
So hätte bereits ein kurzer Blick ins Englischwörterbuch genügt, um stutzig zu werden: kann es denn tatsächlich sein, daß unser deutsches Wörtchen "evangelisch" im Englischen genau so lautet - "evangelical"? Da hätten wir es schon: wenn schon 40%, dann bitteschön zunächst einmal 40% Protestanten, von denen längst nicht alle das sind, was sich der von der deutschen "Qualitätspresse" aufgeschreckte Herr Maier von um der Ecke unter "evangelikal" vorstellt (nämlich quasi das christliche Pendant zu "islamistisch"). Letztere Vorstellung ist nach wie vor eine krasse Verzeichnung der Wirklichkeit - allein diejenigen amerikanischen Kirchen und Gemeinden, die sich zur World Evangelical Alliance zählen, dem Weltverband evangelikaler Kirchen und Gemeinden, weisen eine theologische Bandbreite auf, die schlichtweg keine Vereinfachung zuläßt.
Würde sich der Autor in diesem ABC der Konfessionskunde einigermaßen auskennen, dann hätte dieser im Grunde wirklich gute Artikel nicht jenen aufgeklärt-besserwisserischen Unterton, der mir als, naja, sagen wir einmal "links-evangelikalen" Christenmenschen schon längst nicht mehr als ein müdes Lächeln oder einfach nur mitleidiges Kopfschütteln abringt. In der Tat gibt es in den USA eine christliche Rechte (am stärksten durch die Southern Baptists vertreten), die jahrzehntelang - und oft auch ihrem eigentlichen Anliegen zuwider - an einer christlichen Parallelgesellschaft gearbeitet hat, die dem Kern des Evangeliums ironischerweise genau entgegengesetzt ist. Diese Fassade bröckelt nun schon seit Jahren merklich und immer heftiger. Gott sei Dank.
Nur hat das herzlich wenig mit einer stattlichen Anzahl von amerikanischen Methodisten, Lutheranern etc. zu tun, die sich zwar oft ebenfalls dem evangelikalen Spektrum zugehörig fühlen, es aber mit der ach so bösen Welt da draußen schon seit jeher so halten, sich ihr fröhlich auszusetzen, statt sich i
und sie sich ihres richtigen Glaubens so sicher sind, sollte man ihnen ein möglichst baldiges Ableben wünschen, bevor sie ihr Seelenheil aufs Spiel setzen und diese bösen Filme, voller Fluche, trinkender Frauen usw. sie ins Verderben führen. Es wäre ja bedauerlich, wenn die Versuchung funktionieren würde. Kaum fünf Minuten Spaß gehabt, und schon drohen Fegefeuer oder gar die Hölle.
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Wenn man sich mal vorstellt, Roman Deininger haette im gleichen Ton ueber Homosexuelle berichtet, ein Voruteil ans andere gestellt und Banalitaeten als schlecht und wie rueckstaendig die doch sind hingestellt .... der Artikel waere nie erschienen.
Aber es geht ja nur gegen Christen, da ist das voellig ok.
Paging