Casper: Der neue Prinz des Hip-Hop "Wir sind die Generation Berghain"

Sein neues Album "XOXO" ist erst seit wenigen Tagen auf dem Markt, doch Fans und Feuilletons lieben es schon jetzt. Ein Gespräch mit dem Rapper Casper über den letzten Zug zum Erfolg, die Perspektivlosigkeit der Jugend und das Leben auf der Straße.

Interview: Toni Lukic

Steht da vorne auf der Bühne wirklich der derzeit umjubeltste Musiker des deutschen Hip-Hop? Hier in diesem kleinen Klub vor 300 Leuten, mit dem kaputten Mikro in der Hand? Hier in Bielefeld? Der mit seiner Röhrenjeans und dem Fünf-Tage-Bart, der sich die Lunge herausschreit, wie ein Schwein schwitzend? Das soll der Heilsbringer des deutschen Rap sein? Ja, das ist Casper, der mit seinem Album "XOXO" gerade die Szene aufmischt. Casper, geboren als Benjamin Griffey, ist ein wandelnder Gegensatz: Kosmopolit aus dem Extertal, Vater Amerikaner, Mutter Deutsche, frühe Kindheit im Wohnwagenpark in Atlanta, dann im Lippischen weiter aufgewachsen, gute Noten in der Schule. Musikalische Sozialisation in einer Hardcore-Band, talentiertester Rapper Deutschlands.

sueddeutsche.de: Dein Album XOXO wird wohl ganz oben in den Charts landen, Fans und Kritiker lieben die Platte. Wie fühlt sich der Erfolg an?

Casper: Bis Freitag, als das Album veröffentlicht wurde, war ich absolut hibbelig. Von den Medien her lief es schon super bevor die Platte rauskam, doch ich hab mich gefragt, ob die Fans sie mögen. Sie mögen sie, wunderbar! Der Druck ist mir dann echt von den Schultern gefallen. Und jetzt kommt die Chartplatzierung: Schaffen wir das Unmögliche?

sueddeutsche.de: Dein letztes Album "Hin zur Sonne" ist drei Jahre alt. Die ganze Hip-Hop-Welt wartete seitdem auf eine neue Scheibe: Wie groß wurde am Ende der Druck, eine neue Platte zu machen?

Casper: Der Druck war zeitweilig unerträglich. Als ich eine fast fertige Platte verworfen hatte, wurde es noch schlimmer. Je mehr Menschen du triffst, desto mehr Leute sagen dir auch, was du zu machen hast. Irgendwann hast du so viele Meinungen, dass du kaum noch atmen kannst. Es ging mir nur noch schlecht. Ich saß vor meinem Block, hatte nichts geschrieben und hatte einen Burn-out, ohne irgend etwas gearbeitet zu haben. Irgendwann gab es dann eine Deadline und es ging nicht anders: Die Platte musste fertig werden.

sueddeutsche.de: Du wurdest jahrelang gehypt und als Rettung des Hip-Hop gehandelt. Verstreicht nicht irgendwann der Hype, wenn man zu lange auf sich warten lässt?

Casper: Ich war mir sogar sicher, dass das Album jetzt schon zu spät ist. Wäre es im Herbst erschienen, hätte sich wohl nur noch die Hälfte der Leute dafür interessiert. Wir haben wirklich den allerletzten Zug genommen. Zum Glück steigen die Leute mit ein.

sueddeutsche.de: Ist die Platte überhaupt noch Hip-Hop oder eigentlich doch ein Indie-Album?

Casper: Im Kern ist diese Platte Rap, ich singe ja nicht auf dem Album. Weißt du, wie schrecklich es klingt, wenn ich singe? Grauenvoll. Auf der Platte ist alles zu hören, was ich auch auf meinem iPod habe. Wir haben fünf, sechs Referenzplatten und 50 Referenzsongs genommen und durch einen Fleischwolf gedreht. Am Ende ist Casper herausgekommen.

sueddeutsche.de: Hip-Hop und Indie galten nie als kompatibel. Wie kann es sein, dass dich die Indie-Fans als Rapper so feiern?

Casper: Das hätte ich auch niemals gedacht, ich hätte aber auch niemals erwartet, dass die Rap-Kids das Album so akzeptieren. Mir war schon klar, dass die Fanbasis mitkommt, aber ich war auch überzeugt davon, dass die Indieleute die Platte nicht mögen werden. Dass die Feuilletons das Album auch noch für sich entdecken, lag für mich in ganz weiter Ferne.

sueddeutsche.de: In "Der Druck steigt" forderst du quasi eine Rebellion der Jugend. Was ist los mit den heutigen Zwanzigern?

Casper: Wir sind die Generation "Berghain", die Generation "Drei Tage wach" und die Generation "Wir haben keinen Job, aber hängen auf jeder Gästelistenparty mit Freisaufen ab". Ich erkenne das selbst in meinem Umfeld. Da sind Leute, die haben überhaupt keine Perspektive, aber sind jeden Abend Party machen. Dann denke ich mir: Was habt ihr zu feiern?

sueddeutsche.de: Kann man sich mit Weltverbesserertexten nicht auch leicht verbrennen?

Casper: Es geht mir um die Bilder, die in der Sprache gemalt werden. Der Oberton ist vielleicht Möchtegern-Revoluzzertum. Das gebe ich auch zu. Aber es geht mir um verschiedene Perspektiven und Bilder. Ich bin jetzt nicht der Typ oder die Stimme, die der Jugend sagt, wie sie auszusehen und was sie zu tun hat. Auf gar keinen Fall.

sueddeutsche.de: Du bist halb Amerikaner und im Trailerpark in Atlanta aufgewachsen. Damit bist du ja mehr Straße, als es viele deiner Rapkollegen gerne wären.

Casper: Das stimmt, bei vielen ist es einfach ausgedacht. Ich habe dieses 8-Mile-Leben, so blöd es klingt, aber wirklich gelebt. Deswegen muss ich auch nicht in meinen Texten darüber reden, weil ich da auch nicht wieder hin will. Das war die Hölle dort und deswegen will ich so etwas hinter mir lassen.

sueddeutsche.de: Trotzdem feierst du den harten Gangstarap.

Casper: Absolut. Das ist schwer zu erklären. Ich verstehe, dass das auf Leute, die das nicht hören, blöd wirkt. Aber ich kann die Sachen auf technischen Ebenen auseinandernehmen. Die transportierten Hip-Hop-Codes sind eben auch was ganz Eigenes. Ich kann verstehen, wenn man nicht erkennt, dass "Kollegah" ein sprachliches Genie ist, oder wenn Leute sagen: "Bushido ist nicht wichtig für den Hip Hop." Aber ist es nicht ganz im Gegenteil so, dass Vom Bordstein zur Skyline eine der wichtigsten deutschen Rapplatten aller Zeiten ist?

sueddeutsche.de: Gangstarap scheint langsam ausgedient zu haben. Viele glauben, dass nur du Hip-Hop aus dem Grab holen kannst.

Casper: Ich sage immer: Rap ist nicht tot. Rap ist nur ein alter Mann, der in den Bergen wohnt. Der hat auch zu essen und dem geht es gut, aber niemand kriegt etwas von ihm mit. Wenn irgendwer Hip-Hop gerettet haben soll, dann hat es "Marteria" mit seinem Album "Zum Glück in die Zukunft" schon getan.

sueddeutsche.de: Es taucht immer mehr der Begriff Post Hop auf, wenn es um deine Musik geht.

Casper: Der Begriff gefällt mir, er macht einfach Sinn. Rock war diese wütende, schnelle, ungenaue Musik, dann kamen Leute und haben plötzlich vertrackte Jazz-Drums eingebaut, die Texte waren auch nicht mehr so wütend. Das war dann Postrock. Er definiert sich als Rock, doch er geht über dessen Tellerrand hinaus. Und so ist XOXO auch, die Platte hat jede Sekunde Hip-Hop-Elemente, aber es geht eben darüber hinaus.

sueddeutsche.de: Du wurdest auch von amerikanischen Hip-Hop-Größen wie "Wiz Khalifa" oder Eminems Schützling "Yelawolf" unterstützt. Kommt vielleicht bald ein Feature mit diesen Rappern zustande?

Casper: Klar würde ich gerne was mit denen machen. Aber wenn, dann würde ich auf Englisch rappen. Gerne.

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