Cannes 2009: Die Bilanz Der Teutonen-Thrill

Beweis der deutsch-französischen Freundschaft: Warum der Regisseur Michael Haneke und der Schauspieler Christoph Waltz in Cannes so gut ankommen.

Von S. Vahabzadeh

Michael Haneke hat etwas mit Wim Wenders gemeinsam - als Filmemacher sind sie ziemlich krasse Gegensätze, aber man kann eine ganze Menge lernen über die Deutschen und ihr Verhältnis zum Kino, wenn man erlebt hat, wie sie in Cannes empfangen werden. Beide werden dort auf eine Art bejubelt, wie es hierzulande nur Schauspielern vorbehalten ist. In Cannes ist der Österreicher Haneke, 1942 in München geboren, am ehesten Franzose - seit "Funny Games", 1997, hat er keinen deutschsprachigen Film mehr gedreht, und die Franzosen gemeinden nun mal gerne Menschen ein, die ihnen gefallen. Michael Haneke schlägt in Frankreich eine Verehrung entgegen, die in Deutschland kaum zu finden ist. Vielleicht finden die Franzosen ja Hanekes verschlossene, um Fassung ringende Figuren weniger schmerzlich.

"Das weiße Band" ist Hanekes sechster Film bei den Filmfestspielen in Cannes. Für "Caché" mit Juliette Binoche hat er 2005 den Regiepreis bekommen, für "Die Klavierspielerin" (nach einem Roman von Elfriede Jelinek) 2001 den Grand Prix der Jury, auch seine Hauptdarstellerin Isabelle Huppert, in diesem Jahr Jury-Präsidentin, wurde damals für den Film ausgezeichnet. Als sie am Sonntagabend im Grand Théâtre Lumière des Festivalpalasts von Cannes verkündete, dass die Goldene Palme an Michael Haneke geht, ging sein Name schon unter in frenetischem Jubel.

"Das weiße Band" ist ein in weiten Teilen deutscher Film, mit deutschem Geld und deutschen Schauspielern in der Mark Brandenburg gedreht. Und es geht um deutsche Geschichte, den Geist des Kaiserreichs als Saat des Bösen - in perfekten, schwarzweißen, beklemmenden Bildern. Ein Dorf, in dem seltsame Unfälle passieren, der Gutsherr (Ulrich Tukur) herrisch regiert, und der Pfarrer (Burghart Klaußner) als Verfechter einer fürchterlichen Scheinheiligkeit seinen Kindern weiße Schleifen anheftet. Die Bänder sollen sie in jedem Augenblick an eine überzogene Reinheit gemahnen, die so ziemlich jeder im Ort nur vorspiegelt und hinter verschlossenen Türen mit Grausamkeit und Gefühlskälte kompensiert.

Leicht macht es Michael Haneke seinem Publikum damit nicht; aber das wollte er auch noch nie - seine Geschichten erzählen immer von den düsteren Seite der menschlichen Psyche. Es könne ja nicht jeder, sagt Haneke - tatsächlich wesentlich entspannter, als seine Filme vermuten lassen -, es könne ja nicht jeder wie der Filmemacher John Cassavetes sein, "der seinen Geschichten am Ende immer einen positiven Dreh gibt. Vielleicht muss man für so etwas Grieche sein."

Christoph Waltz, der zweite siegreiche Österreicher von Cannes, hat es einfacher mit der komödiantischen Leichtigkeit. Dies zeigt er auch bei seiner Interpretation des Colonel Hans Landa in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds", die nicht zuletzt den Ausschlag dafür gab, dass auch er am Sonntagabend ausgezeichnet wurde. Landa jagt für die Nazis die Basterds, die selbst wiederum Nazijäger sind. Waltz hat aus dieser Rolle wirklich alles herausgeholt, hat aus Landa ein charmantes, blitzgescheites Biest gemacht, bei dem man am Schluss nicht mehr so recht weiß, ob man ihm eine gerechte Strafe oder nicht vielleicht doch eine sichere Überfahrt nach Amerika wünschen soll.

Waltz' Karriere spielte sich ab zwischen Kinolust und Fernsehfrust. Einen seiner größten Fernseherfolge hatte er 1996 in dem Film "Du bist nicht allein - Die Roy Black Story". Dass er Roy Black so gut darstellen konnte, war auch schon ein Kunststück. Den Mangel an Ähnlichkeit mit dem Original hat er mühelos überspielt. Es waren in der Folgezeit ein paar schöne Sachen dabei, aber gerade die komischen Rollen wurden seinem Talent nicht gerecht. Er hätte schon, hat er einmal gesagt, "Lust auf intelligente Komödien, aber das scheint ja ein Widerspruch zu sein." Die Palme ist da nicht nur Anerkennung, sie wird künftig auch vieles leichter machen. "Du hast mir", rief er Tarantino am Sonntagabend von der Bühne zu, "meine Berufung zurückgegeben."

Waltz, 1956 in Wien geboren, ist sozusagen ein Kind des Kinos. Seine Mutter Elisabeth Urbancic war Kostümbildnerin, unter anderem für Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder" und "Schloss Gripsholm". Die Schauspielerei hat Waltz am Max Reinhardt Seminar gelernt, er hat viel auf der Bühne gepielt und in unzähligen Krimis. An einer Karriere in Hollywood hat er sich vor vielen Jahren schon einmal versucht - beim Agenten Paul Kohner, der auch schon die Exilanten Marlene Dietrich, Billy Wilder und Erich von Stroheim vertreten hatte. Kohner sagte Waltz voraus, er könne Arbeit finden, "aber nur, wenn Sie kein Problem damit haben, ein Leben lang hinten durchs Bild zu laufen und "Heil Hitler" zu brüllen." Waltz lehnte ab - und wartete auf einen wie Tarantino.

Was das alles nun bringt? "Wenn etwas mit meiner Karriere passiert", sagt Christoph Waltz trocken, "dann soll das jetzt erst einmal passieren. Mal schauen, welche Zentrifugalkräfte mein Rückgrat so aushalten kann."

Yes, we cannes!

mehr...