"Call me Kuchu" im Kino Wo Mordlust wütet

"Hängt sie" fordert ein Wochenblatt in Uganda öffentlich zur Jagd auf Homosexuelle auf. Der Film "Call Me Kuchu" beschreibt die Gefahr, der Schwule in dem afrikanischen Staat ausgesetzt sind - und den Hass ihrer Verfolger.

Von Rainer Gansera

Schlagzeile: "100 Pictures of Uganda's top Homos Leak". Daneben, gelb grundiert, als Ausrufungszeichen: "Hang Them". Da stockt der Atem, und einen Augenblick lang will man es für einen schlechten Scherz halten oder für ein Dokument aus vergangenen Zeiten wüster, mordlüsterner Homophobie.

Aber nein, es ist die Titelseite des in Kampala/Uganda erscheinenden Boulevard-Wochenblattes Rolling Stone (das mit dem gleichnamigen US-Popmagazin nichts zu tun hat) vom Oktober 2010. Ein An-den-Pranger-stellen von Homosexuellen, wie man es nicht für möglich halten will - mit Fotos, Adressenangaben und der unverhohlenen "Hängt sie"-Aufforderung. Teil der medialen Hass-Kampagne zur Durchsetzung eines Gesetzentwurfs, der Homosexualität unter Todesstrafe stellen soll.

Die auf zahlreichen Festivals preisgekrönte Dokumentation "Call me Kuchu" von Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall begleitet über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren eine kleine Gruppe von Queer-Aktivisten in Kampala, nähert sich deren Lebensgeschichten. Alle sind von Diffamierungen und Demütigungen gezeichnet und wagen doch den Weg in den Widerstand. Erzählt in einem schlichten, kommentarfreien Cinéma-vérité-Stil: bunte Dragqueen-Feste im Schutz hochumzäunter Vorgärten, Träume von einer Zukunft, in der sich Schwule und Lesben auch in Uganda angstfrei als solche zeigen dürfen. Es folgen juristische Teilerfolge, wenn etwa einer Klage gegen den Rolling Stone stattgegeben wird. Dann aber kommt die schlimmstmögliche Wendung: David Kato, Sprecher der Gruppe, wird ermordet.

Der Polizeibericht spricht davon, dass Kato wahrscheinlich einem Raubüberfall zum Opfer gefallen sei. Giles Muhame, Herausgeber des "Rolling Stone" erklärt: "Als wir aufriefen, die schwulen Menschen zu hängen, meinten wir: nachdem sie im Rechtsweg verurteilt wurden. Ich habe nicht dazu aufgerufen, sie kaltblütig zu ermorden". Man muss das zynische Lächeln sehen, mit dem er sein Statement begleitet.

"Call me Kuchu" stellt beides spannungsreich gegeneinander: hier die Nähe zu den Aktivisten, dort der furchtlose Blick auf die Hassprediger. Wir sehen die Veitstänze, die der aus den USA angereiste Evangelikale mit seinen biblisch-apokalyptisch aufgedonnerten Tiraden verursacht. Ein geschniegelter Parlamentsabgeordneter wirft sich zum Bewahrer afrikanischer Identität auf und erklärt Homosexualität zum "Gift westlicher Dekadenz". Geflissentlich übersehen er und die anderen Hetzer, dass Homophobie in Uganda eine Erbschaft der britischen Kolonialzeit ist. Zeitungsberichte verstricken die dämonisierten "Homos" in Verschwörungstheorien und lasten ihnen Terroranschläge islamistischer Organisationen an.

Wir kennen aus unserer Geschichte einige Beispiele für die fatale Dynamik von Hexenjagden: vom Aufheizen tiefliegender Ressentiments über die religiöse Verbrämung des Hasses bis zur Lizensierung des Mordes. Hier zeigt sich diese Dynamik in aller ihrer Infamie und Brutalität. "Call me Kuchu" macht sie exemplarisch durchsichtig. Nur leider ist der Film kein historisches Exempel, sondern aktuelle Wirklichkeit.

Call me Kuchu, USA/Uganda 2012 - Buch, Regie, Produktion: Katherine Fairfax Wright, Malika Zouhali-Worrall. Kamera, Schnitt: Katherine Fairfax Wright. Musik: Jonathan Mandabach. Arsenal Distribution, 90 Minuten.