Bücher-Duft als Parfüm Letzte Tinte am Leib

Leseratten heben stets den angenehmen Duft von Druckerschwärze und Papier hervor. Er geht bei den E-Books als Erstes verloren. Deshalb legt der Steidl-Verlag jetzt ein Parfüm für Buchliebhaber auf. Auch das Wort Lesefutter könnte ganz neue Bedeutungen annehmen.

Von Christopher Schmidt

Vor zwei Wochen, beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, sprach die Jurorin Daniela Strigl von einer "olfaktorischen Problemlage". Denn in fast allen der vorgetragenen Texte ging es um unangenehme Gerüche. Allerdings besteht der Vorzug der Literatur darin, dass sie zwar die unterschiedlichsten Gerüche beschreiben mag, selbst aber stets angenehm nach Papier und Druckerschwärze duftet.

An frischgedruckte Bücher erinnert der Duft bislang kaum, aber es soll mit der Zeit noch reifen: Das "Paper Passion Perfume. For Booklovers".

(Foto: Robert Haas)

Die Lust aufs Lesen beginnt damit, dass man ein Buch aufschlägt und diese Mischung inhaliert. Genauso wie die Erinnerungen in Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" im Erzähler aufsteigen, als er eine Madeleine in Lindenblütentee taucht und der Duft ihn zurück in die Vergangenheit trägt. Das Problem ist nur: Im Gegensatz zum gedruckten Buch - in der Branche nennt man es bereits P-Book - ist das E-Book so geruchsneutral wie der Körper von Jean-Baptiste Grenouille, dem genialen Parfümeur aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". Und obwohl die Parfümeriekette Douglas mittlerweile große Teile des Buchhandels beherrscht, muss auch sie vor dem Vormarsch der elektronischen Lesegeräte kapitulieren und damit vor einer Zukunft ohne Eigengeruch.

Es ist daher schon ein Fanal, wenn der Steidl Verlag in Zusammenarbeit mit dem Wallpaper* Magazine nun ein Buchobjekt auf den Markt bringt, das keine Texte und keine Bilder enthält, sondern einen Flakon mit einer kostbaren Essenz, die sich "Paper Passion Perfume. For Booklovers" nennt. Kreiert hat den Duft, eine Mixtur aus Tinte und Papier, die Parfümeurin Geza Schön ("Diesel"). Und gestaltet wurde der Leineneinband von keinem Geringeren als Karl Lagerfeld. Das Ganze erinnert an jene alten Western, in denen der Prediger die Seiten seiner Handbibel so ausgeschnitten hat, das sich in der Aussparung ein Revolver deponieren lässt.

Auch der Western ist ja vom Aussterben bedroht, und wenn das Buch nur noch als Verpackung dient für eine Reminiszenz an seine Vergangenheit, dann kann man daraus den Schluss ziehen: die Entmaterialisierung des Buches ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass man seine einstigen Eigenschaften in einem anderen Speichermedium, hier dem des Parfüms, konservieren muss. Auch Süskinds Grenouille versuchte ja den Duft aller Düfte zu destillieren, und so haben wir es beim vorliegenden Band gewissermaßen mit dem Buch der Bücher zu tun. In einem Tröpfchen hinterm Ohrläppchen hat sich die gesamte Buchkultur konzentriert, ein Odeur nur noch, das sich verströmt und rasch verflüchtigt in der Luft. Oder träufelt man das Parfüm eher auf seinen Kindle?

Auf den ersten Seiten des Kunstbuches finden sich allerdings schon ein paar Texte: Karl Lagerfeld erklärt dem "stillen Duft" des Papier seine Liebe. Günter Grass vergleicht die Bücher, die ihn umgeben, mit Hunden, die ihr Revier markieren. Geza Schön erzählt von den siebzehn Anläufen, die sie brauchte, um die richtige Balance von Papier- und Parfümästhetik zu finden, und Wallpaper*-Herausgeber Tony Chambers berichtet vom Zustandekommen des Projekts. Das Ergebnis sei eine Flasche in einem Buch, aber ebenso ein Buch in einer Flasche.

Und wie riecht das Rezensionsexemplar von "Paper Passion Perfume" nun? Holzig, eine Spur Teer darin, aber auch Zitrus, alkoholisch, sehr dezent insgesamt. Nach einem druckfrischen Buch riecht es kaum, aber es soll mit der Zeit reifen, heißt es. Wir wollen nur hoffen, dass es uns, wenn wir mit dieser letzten Tinte am Leib auf Büchermenschen treffen, besser ergeht als der Figur aus Süskinds "Parfum". Als diese sich mit ihrer Kreation übergießt, sind die Menschen von dem Duft so berauscht, dass sie sich auf Grenouille stürzen und ihn buchstäblich auffressen. Das Wort Lesefutter könnte in Zukunft ganz neue Bedeutungen annehmen.

Gerhard Steidl, Geza Schön: Paper Passion Perfume. Steidl Verlag, Göttingen 2012. 88 Euro.