Bruce Springsteen in München "Bruuuuuuuce!"

Bruce Springsteen im Olympiastadion in München.

(Foto: dpa)

Begeistert empfangen 57 000 Fans den "Boss" im Olympiastadion in München. Sogar der kalte Sommer spielt mit. Nur politisch war schon mal mehr los auf der Bühne.

Von Karl Forster

Es klingt, als brülle eine ganze Büffelherde vor Hunger. "Bruuuuuuuce!" schallt es am Freitagabend um 19.12 Uhr aus dem Olympiastadion in den ausnahmsweise erfreulich dämmerblauen Himmel. Denn da gleiten vier schwarze Vans mit abgedunkelten Scheiben durchs Westtor ins Münchner Olympiastadion. Deren Passagiere sollten nun für gut drei Stunden dafür sorgen, dass die Fans von "The Boss" Bruce Springsteen auf ihre Kosten kommen. Und so startet Bruce Springsteen mit Vollgas und jenseits der 100 Dezibel mit "Badlands", "Out In The Street", "Sherry Darling" zum München-Konzert seiner "River"-Tour, begleitet von der legendären E-Street-Band mit dem (fast) neuen Saxofonisten Jake Clemons, von dem noch die Rede sein wird.

Diesen Sound allerdings hat Bruce Springsteen nicht verdient. Dass es laut wird, ist man gewohnt bei ihm. Dass der Wind die eine oder andere Phrasierung im Münchner Olympiastadion verweht, ist kein Wunder, war man doch schon froh, einen in diesem Jahr seltenen regenfreien Abend erwischt zu haben. Aber nachdem mit "Prove It All Night" das erste Powergewitter über die 57 000 Fans hereingebrochen war, ein Lied mit der für Bruce Springsteen so typisch verschleierten Melancholie, ahnte man, dass dies kein Abend des absoluten Hörgenusses werden würde. Bei aller Verehrung für den 66 Jahre alten Musiker und Dichter aus New Jersey, der nun angetreten war, wieder einmal ein Vermächtnis zu präsentieren wie schon 1995 mit den "Greatest Hits" oder 2005 mit der "Born To Run - The 30th Anniversary Edition". Nun also "The River Collection" mit "The Ties That Bind", einem Lied, das irgendwie auf der Setlist untergegangen ist.

Bruce Springsteens "The River" ist sein Schlüsselwerk

Doch wer sich nicht im Vorfeld über solch vorgegebenen Sinn und Zweck der Tour informiert hat, bekam wenig Hilfestellung von Bruce Springsteen, was diesen Abend von früheren am deutlichsten unterschied. Denn dass sich, wie erwähnt, der Sound im Stadion bei quer gestellter Bühne im Glasdach verfangen und dann als gequirlter Tönematsch auf die Zuschauer einprasselt, kennt man schon vor früher. Diesmal klang es, als hätte man unter jedes Becken des wie immer adrett gekleideten Schlagzeugers Max Weinberg ein Mikro gesteckt und voll aufgedreht.

"Boss, wir brauchen dich!"

Bruce Springsteen bringt nach zwei Jahren wieder ein neues Album heraus. In "Wrecking Ball" übt der Sänger unter anderem Kritik an Militärs, Lobbyisten und Großkapitalisten. "The Boss" hat auch als Multimillionär sein Arbeiterklassen-Image bewahrt. Warum die Gitarre sein Schutzengel ist und wie er zu seinem Spitznamen kam. mehr ...

Wer aber trotzdem Lust hatte, sich über die Konzeption und den Titelsong des Abends Gedanken zu machen, dem wurde einiges klar: Bruce Springsteens "The River" ist sein Schlüsselwerk, sowohl musikalisch wie auch inhaltlich und literarisch. Würde Springsteen heute ganz ohne Musik, nur mit seinen Texten in einem literarischen Zirkel auftreten, der Applaus wäre ihm auch dort gewiss. Die Geschichte in "The River" ist ja nicht bloß die eines geplatzten Lebenstraums eines allzu jung verheirateten Paares, Bruce Springsteen versteckt darin die Anklage gegen eine uramerikanische Oberflächlichkeit der Lebensführung. In "The River", vor 36 Jahren erschienen, unterlegt er solche Gedanken mit ebenso nachdenklich stimmenden Harmonien und einem nahezu klerikalen Soundgewebe. Heimtückischer ist das schon bei Liedern wie "Sherry Darling", diesem so fröhlich klingenden Gassenhauer, wobei es auch hier um die Frage geht, wie fröhlich man sein kann und darf, wenn die Gesellschaft keinen Job mehr für einen hat.

Bruce Springsteen nutzt den Drive des amerikanischen Musikkanons, um sich und der Welt zu erklären, warum das Durchschnittsleben so oft so beschissen ist. Dann wählt er wieder stark keyboardlastige kathedrale Klänge zur Untermalung seiner Anklage, meisterhaft gelungen in "American Skin (41 Shots)", wo er des 1999 in New York von vier Polizisten erschossenen Amadou Diallo gedenkt - ein 23 Jahre alter unbewaffneter Immigrant aus Guinea. Die Polizisten wurden später verurteilt.