Brockhaus am Ende Wissen, das nie am rechten Ort ist

Die Brockhaus-Enzyklopädie, die Mutter aller Nachschlagewerke, wird eingestellt. Bertelsmann gibt seine Lexikonsparte auf. Ein Nachruf auf das gebundene Wissen in 26 Absätzen - von A bis Z.

Von Bernd Graff

A>m Anfang standen eine gewaltige Aufgabe und ein gewaltiger Anspruch: "Der Zweck eines solchen Wörterbuchs", so war in der "Vorrede zum Brockhaus Conversations-Lexikons" im Jahr 1809 zu lesen, "kann auf keinen Fall der sein, vollständige Kenntnisse zu gewähren." Vielmehr wolle man erreichen, dass es "eine Art von Schlüssel sein soll, um sich den Eingang in gebildete Zirkel und in den Sinn guter Schriftsteller zu öffnen." Der geneigte Leser sollte mitreden können, hieß das. Und darum bot man ihm die "wichtigsten Kenntnisse aus der Geographie, Geschichte, Mythologie, Philosophie, Naturlehre, den schönen Künsten und andern Wissenschaften." Eben all das, was "ein jeder als gebildeter Mensch wissen muß, wenn er an einer guten Conversation Theil nehmen oder ein Buch lesen will."

B>ildungswissen also war das Ziel der Lektüre eines Lexikons. Noch im Vorwort zur 11. Auflage des Brockhaus aus dem Jahr 1868 hieß es: Das Conversations-Lexikon hat "die Flüssigmachung und Popularisierung der wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Ergebnisse, nicht für die geschäftliche Praxis, sondern für die Befriedigung und Förderung der allgemeinen Bildung zur Aufgabe." Man wolle in das Universum des Wissens wie in einen "Mikrokosmos" einführen und nicht "nicht zur Lösung eines wissenschaftlichen Problems oder zur Uebung einer Kunstfertigkeit" beitragen, sondern "um den Menschen als solchen mit der Welt, die über seinen alltäglichen Horizont hinausliegt, bekannt zu machen."

C>harakteristisch ist dieser Bildungsanspruch für jede Enzyklopädie, die seit dem 18. Jahrhundert im großen Stil produziert wurde.

D>as Zeitalter der Aufklärung war das eines großen Erziehungsoptimismusses: Dazu gehörte die Vorstellung, dass man die Welt wissen kann, dass also der menschliche Intellekt und seine Vernunft die Welt rückstandslos erfassen kann, so erfassen, dass sie zwischen Buchdeckel passt - und seien es die 48 einer vierundzwanzigbändigen Ausgabe. Und dazu gehörte, dass Menschen dieses Wissen mit der Lektüre aufnehmen und daraus lernen können. Und sei es, um damit in den Salons der gebildeten Stände eine gute Figur zu machen.

E>s ist damit vorbei bei Brockhaus. Das Verlagshaus Bertelsmann hat gerade bekannt gegeben, dass es seine Lexikonsparte aufgibt. Zunächst soll der Direktvertrieb bis Mitte 2014 eingestellt werden. Die Aktualisierungen, die Online erfolgen, und weitere Verpflichtungen sollen noch sechs Jahre fortgeführt werden. Der Vertrieb über den Buchhandel allein reiche aber nicht zum wirtschaftlichen Überleben aus, hieß es bei Bertelsmann.

F>ast hätte es ja noch geklappt: Bertelsmann hatte die Marke Brockhaus erst 2009 nach der Zerschlagung des Bibliographischen Instituts & F.A. Brockhaus AG gekauft. Der Verlagsgründer Friedrich Arnold Brockhaus hatte das erste Conversations-Lexikon 1810 fertiggestellt. Allerdings hatte Brockhaus sein Conversations-Lexikon 1805 übernommen von dem Gelehrten Renatus Gotthelf Löbel und dem Juristen Christian Wilhelm Franke. Deren zwischen 1796 und 1808 bereits erschienenen sechs Bände ließ er vom Mitbegründer Franke um zwei Nachtragsbände erweitern, die vor allem die Themen der Französischen Revolution mit ihren Folgeereignissen behandelten. Ein unfassbarer Erfolg, der sofort Nachahmer fand.

G>anz dreist erschienen schon bald Raubdrucke dieser Enzyklopädie. Sie stammen von dem Stuttgarter Verleger Carl Erhard, die er in seinem Verlag A. F. Macklot herausbrachte. Ohne Brockhaus' Genehmigung druckte er die 3. Auflage des Conversations-Lexikons nach. Möglich war dies, weil Brockhaus zuerst in Amsterdam, dann Leipzig veröffentlichte und damit in einem anderen Land als in Württemberg. Nachdrucke von "ausländischen" Druckerzeugnissen waren in Stuttgart nicht verboten, es gab kein einheitliches Urheberrecht.

H>onorare für die wissenschaftlichen Mitarbeiter von Brockhaus zahlte der Verlag A. F. Macklot natürlich auch nicht und so konnte ab 1816 "mit Königl. württembergischer allergnädigster Genehmigung" eine preiswertere Ausgabe des Brockhaus in Süddeutschland erscheinen.

I>nzwischen wuchs der Brockhaus aber immer weiter. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die 13. Auflage erschienen, die 14. in 16 Bänden kam ab 1891 nur vier Jahre später. Bis 1913 waren 30.000 Lexika an deutsche Haushalte des Kaiserreichs verkauft worden.

J>a: Bildung besaß einen hohen Wert, und wer etwas auf sich hielt, besaß ein Conversations-Lexikon.

K>rieg und wirtschaftliche Unsicherheiten verhinderten, dass die 15. Auflage, noch 1912 begonnen, bald darauf erscheinen konnte.

L>letztlich vergingen mehr als 30 Jahre, bevor die 15. Auflage des Brockhaus erscheinen konnte. Ab 1928 wurde sie ausgeliefert, insgesamt in 20 Bänden und nun unter dem Titel: "Der Große Brockhaus".