Breiviks Quelle: "Fjordman" Das Ende vom Anfang

"Die EU muss sterben, oder Europa wird sterben": Die einflussreichste Quelle von Anders Behring Breivik war ein islamfeindlicher Blogger ohne Gesicht. "Fjordman" wendet sich nun an die Öffentlichkeit.

Von Nicolas Richter

So geht der Kontinent dahin: "Während die gewöhnlichen Europäer in Angst vor muslimischer Gewalt in ihren Städten leben, während sie das Vertrauen in ihre eigenen Führer verlieren, trifft sich die Elite der EU bei Cocktailpartys, wo man sich gegenseitig beglückwünscht, Europa den Frieden gebracht zu haben. Die EU hat eine schöne neue Welt versprochen, in der Kriege und ethnische Auseinandersetzungen der Vergangenheit angehören. Wird sie uns stattdessen das Mittelalter bescheren? Vielleicht neigen Utopien dazu, dies zu tun."

Diese endzeitliche Vision Europas, gleich einem sinkenden Ozeandampfer, in dem das arme Volk unten im Rumpf schon ersäuft, während für die Reichen auf dem Oberdeck noch Champagner angeschleppt wird, ist beschrieben auf Seite 307 des Manifests, das der mutmaßliche norwegische Massenmörder Anders Breivik veröffentlicht hat. Die düsteren Worte stammen nicht von ihm, sondern von einem Blogger, der sich "Fjordman" nennt und seit 2005 im Internet über die Gefährlichkeit des Islam schreibt. Breivik hat ihn in seinem 1500-Seiten-Konvolut ausgiebig zitiert und einige von Fjordmans Aufsätzen in ganzer Länge und über Dutzende Seiten wiedergegeben.

Fjordman offenbart weder seinen echten Namen noch sein Gesicht; immerhin tut er kund, in Norwegen zu leben. Fjordman bemerkt über sich, er gehöre nicht zu jenen Pessimisten, die Europa schon verlorengegeben hätten. Die Muslime könnten zwar durchaus gewinnen, es könne aber gelingen, sie zurückzuschlagen und den Islam als globale Macht noch in diesem Jahrhundert zu zerstören. Fjordman mahnt zur Eile und zitiert Churchill: "Dies ist nicht das Ende. Noch nicht mal der Anfang vom Ende. Aber vielleicht das Ende vom Anfang."

Breivik kannte Fjordman offenbar nicht persönlich, aber die Analysen seines Meisters übernahm er zur Gänze, nicht nur, mit copy/paste, in seinem Buch, sondern auch in seinem Denken: Die Vorstellung, die Muslime seien dabei, Europa zu kolonisieren, die Schwäche oder gar Komplizenschaft von Regierungen und EU-Bürokratie, die Dringlichkeit der Lage. Fjordman stützt sich, vor allem in seiner Kritik der EU, wiederum oft auf das Buch "Eurabia: Die euro-arabische Achse" der islamkritischen Autorin Bat Ye'or. Die von Breivik ausgewählten Stücke Fjordmans handeln darüberhinaus vom Versagen des Feminismus, der Kirche, der UN und Amerikas - wobei jedes Versagen freilich den Muslimen in die Hände spielt.

Fjordman ist jetzt schockiert darüber, der Meistzitierte in Breiviks finsterem Machwerk zu sein und, ohne es zu wollen, dessen intellektuelles Gerüst geliefert zu haben. Auf der Internetseite "Gates of Vienna", eine Anspielung auf die Belagerung Wiens durch osmanische Truppen im Jahr 1683, hat Fjordman sich an die Öffentlichkeit gewandt: Mit den "sinnlosen" Morden seines Landsmanns habe er nichts zu tun, Breivik sei ein "Monster". Fjordman weist darauf hin, dass der Attentäter wohl schon 2002 mit seinen Planungen begonnen habe, während er, Fjordman, erst 2005 seinen ersten Blog veröffentlicht habe.

Offensichtlich fürchtet der Geisterautor, dass man ihm noch eine Mitschuld zuweisen könnte. Vielleicht ist Fjordman auch erschrocken über seine eigenen Worte und Sätze, wie sie da nun in der Rechtfertigungsschrift eines Massenmörders stehen. "Die EU muss zerstört werden, und zwar bald." "Die EU muss sterben, oder Europa wird sterben." "Dieser Krieg (gegen den Islam) ist vielleicht der längste der Menschheitsgeschichte."

Unter Islamkritikern herrscht meist ein schriller Ton, und unter etlichen Bloggern sowieso. Wenn Islamkritiker dann Blogs schreiben, entsteht eine oft aufgeladene Atmosphäre. Fjordman scheint sich jetzt darüber zu wundern, dass Hasstiraden im Cyberspace auch mal einen Niederschlag in der wirklichen Welt finden können.

Jahrelang, schreibt er nun, hätten Menschen von Kanada bis Indien seine Essays gelesen und keinem Spatz etwas getan. Nun macht er Breivik den Vorwurf, durch dessen Tat könne es nicht nur Dutzende Opfer geben, sondern sogar noch Hunderte Millionen: Wenn nämlich die notwendige Debatte über Einwanderung, Multikulturalismus oder Islam nunmehr einfach abgeschaltet würde. Wenn sich also aus Entsetzen über Breivik niemand mehr trauen würde, auf die muslimischen Gefahren hinzuweisen.

Der Blogger Fjordman kündigt dagegen nicht an, möglicherweise den Ton mäßigen zu wollen. Der Krieg geht ja schließlich weiter.

Rosen gegen den Terror

mehr...