"Blau ist eine warme Farbe" im Kino Unglaubliche Selbstentblößung

Adèle Exarchopoulos als Adèle (links) und Léa Seydoux als Emma in "Blau ist eine warme Farbe"

Das erste Mal sterben wollen: Adèle und das Mädchen mit den blauen Haaren spielen in "Blau ist eine warme Farbe" eine lesbische Liebe so intensiv, dass der Film in Cannes einschlug wie eine Bombe. Danach gab es Ärger um die Sexszenen - nun kommt der atemlose Trip endlich ins deutsche Kino.

Von Tobias Kniebe

Ein Moment an der Ampel, damit geht alles los. Adèle, siebzehn Jahre alt, träumt in den Tag hinein. Mit offenen Augen und offenem Schmollmund, die Frisur leicht aufgelöst, bereit für das Leben, das man ihr versprochen hat. Und eines Tages sieht sie, auf der anderen Straßenseite, das Mädchen mit den blauen Haaren.

So präsent. So siegessicher. Den Arm voll Besitzerstolz um die Freundin gelegt. Helles Lachen, ein bisschen dreckig. Dann gehen sie aneinander vorbei, ihre Blicke treffen sich, versenken sich ineinander - und Adèle muss stehenbleiben. Autos hupen. Etwas ist mit ihr geschehen.

Magischer Moment mal einhundert

Dieser Moment an der Ampel, damit ging auch der Dreh von "La vie d'Adèle" los, der nun endlich in unsere Kinos kommt, unter dem Titel "Blau ist eine warme Farbe". Abdellatif Kechiche, der französisch-tunesische Regisseur, ließ die Szene gleich einhundert Mal drehen, manisch, insistierend, am Ende brüllend. Das weiß man inzwischen, weil seine beiden Hauptdarstellerinnen es erzählt haben, noch immer ein bisschen fassungslos: wie Überlebende einer Expedition ins Innere, die weit über ihre Grenzen hinausging.

"Blau ist eine warme Farbe"

Das Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" des diesjährigen Cannes-Gewinners Abdellatif Kechiche mit Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos in den Hauptrollen kommt in die Kinos. Sehen Sie hier den offiziellen deutschen Trailer. mehr ...

Und man kann nicht sagen, dass ihre Qualen umsonst waren, oder dass man diese Intensität nicht spürt. Der Film ist ein Trip, drei Stunden lang und doch beinah atemlos, aufgeladen in jeder Sekunde. Zwei Körper, zwei Seelen im Vollkontakt, die erste große Liebe für Adèle, der erste gewaltige Sex, der erste Verlust, das erste Mal sterben wollen und doch weitergehen, hinein in das endlose Niemandsland, das man Erwachsensein nennt.

Eine goldene Palme für drei

Man kann nun nicht sagen, die Teilnehmer dieser Expedition wären nicht belohnt worden. Im Mai in Cannes, wo der Film wie eine Bombe einschlug, haben sie alle drei zusammen die Goldene Palme gewonnen: Adèle Exarchopoulos als Adèle, damals gerade 19 Jahre alt, noch fast unbekannt; Léa Seydoux als Emma, das Mädchen mit den blauen Haaren, schon berühmt und viel erfahrener; und eben Abdel Kechiche, der zuvor etwa "Couscous mit Fisch" gemacht hat, Immigrantenkino, das zugleich die Kulturnation Frankreich zu feiern wusste. Auch hier ist er wieder geleitet von einem Klassiker, Marivaux' "La vie de Marianne". Die Jury um Steven Spielberg vergab den Hauptpreis an ein Trio - bisher einmalig in der Geschichte des Festivals.

Blut, Schweiß, Tränen, Triumph. Und dann die Erleichterung, dass diese unglaubliche Entblößung und Selbstentblößung nicht gleich zurückgewiesen, nicht sofort als spekulativ verdammt, nicht total seziert wurde. Das war das Glück von Cannes. Es sollte nicht halten.

Sonnige Liebesabenteuer und ewige Pubertät

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Die beiden Schauspielerinnen, die fünf Monate lang bis zur Totalerschöpfung die Wahrheit ihrer Körper und Seelen erforscht hatten, wollten über diesen harten Prozess dann auch berichten. Wahrheitsgemäß. Auch was die Sexszenen betraf. Was, wenn man die entsprechenden Interviews liest, gar nicht wirklich ein Angriff war - eher ein Staunen darüber, welch weiten Weg sie zurückgelegt hatten.

Der Regisseur aber, der für das alles ebenfalls Kopf und Kragen riskiert hatte, von der endlosen Überziehung seiner Drehzeit bis hin zum lebenslangen Hass der Konservativen in Tunesien, seinem Geburtsland, sah sich als Monster hingestellt, seinen Film beschmutzt, seine Ehre verletzt. Nur die Goldene Palme, erklärte er, habe ihn vor dem professionellen Ruin gerettet.