Berliner Philharmoniker in New York Selbst auf Gießkannen gut

In der heiligen Halle: Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker in der Carnegie Hall in New York.

(Foto: Mark Sagliocco/Getty Images)

Auf dem Schwarzmarkt kosteten Tickets 3500 Dollar: Die Berliner Philharmoniker haben New York begeistert. Doch das Orchester musste mit Billigbögen spielen - wegen des Elfenbein-Verbots.

Von Peter Richter, New York

Einen Satz bilden, in dem Bach, Bruch, Schumann und der U.S. Fish and Wildlife Service vorkommen? Kein Problem. Leider. Hört man im Moment sogar recht häufig. Und zwar muss man sich diese Sätze überwiegend als geseufzt vorstellen.

Deshalb zunächst einmal zum guten Teil der Nachricht: Die Berliner Philharmoniker waren in New York, und sie hätten, wenn es nach den New Yorkern gegangen wäre, gern noch länger bleiben können. Dabei war das schon eher das, was man hier eine "residency" nennt, als einfach nur ein Gastspiel: Eine ganze Woche lang war das Orchester in der Stadt, so gut wie jeden Tag gab es einen Auftritt, und zuletzt hatten sie sogar ihre szenische Inszenierung der Matthäuspassion auf die Bühne der Park Avenue Armory gebracht - mit dem Ergebnis, dass der Musikkritiker der Times fand, das hätte 14 Tage hintereinander aufgeführt werden müssen, mindestens, und nicht nur an zweien. Schwarzmarktpreis für die Karten, voller Ernst: 3500 Dollar. Selbst die in letzter Minute für das Publikum noch geöffnete Generalprobe war hoffnungslos überbucht.

Die New Yorker Presse hatte die Passion schon vorher zum größten Musikereignis des Jahres erklärt, und das war es allein schon wegen des technischen Aufwandes. Die Park Avenue Armory ist eine Riesenhalle, in der im 19. Jahrhundert die Regimenter aus der Upper East Side ihren militärischen Drill erhielten. Dort hatte das Lincoln Center als Veranstalter nun eine siebzigprozentige Kopie der Philharmonie einbauen lassen: nicht ganz die 2400 Plätze von Berlin, sondern nur 1700, die allerdings genauso weinbergmäßig um die Bühne herumgeordnet wie im berühmten Bau von Hans Scharoun. Nicht einmal die Schallsegel über der Bühne waren vergessen worden.

Inklusion des Publikums mitten ins Heilsgeschehen

Das Musikereignis des Jahres war es für New York aber auch wegen der von Peter Sellars aus dieser Architektur abgeleiteten Inszenierung, dieser räumlichen und emotionalen Inklusion des Publikums mitten ins Heilsgeschehen und ins Musizieren. Und das Musikereignis des Jahres war es wegen der Sänger. Neben dem Rundfunkchor Berlin immer noch die gleiche, offensichtlich auch nach schauspielerischen Charaktertypen gecastete Riege von Solisten wie bei der Premiere vor vier Jahren in Berlin. Nur für Thomas Quasthoff, der sich zur Ruhe gesetzt hat, sang der Amerikaner Eric Owens, dem man dermaßen wörtlich abnahm, dass er seinen Jesum wiederhaben/selbst begraben/ihm das Kreuz abnehmen wollte, dass man hier praktisch mit dem sonst eher von barocken Devotionalskulpturen bekannten Phänomen des emotionalen Hyperrealismus konfrontiert war.

Dann spielten natürlich nicht zuletzt Sir Simon Rattle und seine Philharmoniker eine gewisse Rolle dabei, dass man diese Matthäuspassion auch die von der New York Times geforderten 14 Mal hintereinander hätte ausverkaufen können. Sie hätten ja auch ihre Schumann-Sinfonien in der Carnegie Hall noch häufiger ausverkaufen können, wenn sie länger hier geblieben wären (und Schumann mehr Sinfonien geschrieben hätte). Sogar die amerikanische Uraufführung der "dark dreams" des Österreichers Georg Friedrich Haas fand genügend Bewunderer, um jedes empörte Buh auf der Stelle in ein umso enthusiastischeres Bravo zu wickeln. Die sogenannte Spektralmusik von Haas suggerierte im Wesentlichen, dass einem die monströsen Fledermausschwärme aus Goyas "Schlaf der Vernunft" hart um den Kopf flattern, und das fand offensichtlich nicht nur Freunde in der Carnegie Hall.

Dafür hatten die Philharmoniker für die besonders wohlhabenden Gönner der Halle zu deren offizieller Saisoneröffnung vergangenen Mittwoch ein regelrecht kulinarisch kalkuliertes Kurzprogramm: Rachmaninows Sinfonische Tänze, den Schluss von Strawinskis "Feuervogel" und eine Anne-Sophie Mutter, die dem ersten Bruch'schen Violinkonzert immer noch, was sehr hinreißend ist, den Schwung eines trotzigen kleinen Mädchens gibt. Danach konnte man ungefähr den Gegenwert des deutschen Bruttoinlandsprodukts die Treppen der Carnegie Hall dinnerwärts herunterrauschen sehen: Ronald Lauder, der Kosmetikerbe, und Larry Silverstein, der Immobilien-Mogul, und wie diese reichen, oft betagten Menschen alle heißen, auf deren runden Schultern nun einmal die Finanzierung des amerikanischen Kulturbetriebes ruht, und sie schienen von der Musik exakt so euphorisiert zu sein, wie das einer anschließenden Spendengala guttut.

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