Berlinale: "Jud Süß" Goebbels wollte mehr Sex, mehr Skandal

Damit ist eine doppelte Verfremdung geschaffen: Schauspieler der Gegenwart spielen die Stars des Jahres 1940, die wiederum in historischen Fräcken, Roben und Reifröcken stecken, die jene Zeit um 1736 zum Leben erwecken sollen, als die historische Figur Joseph Süß Oppenheimer lebte.

Der wurde damals Geheimer Finanzrat beim Herzog von Württemberg und sanierte den Staatshaushalt, zwei Jahre später aber hat man ihn, nach dem Tod des Herzogs, in einem antisemitischen Schauprozess zum Tode verurteilt und erhängt.

Auch Wilhelm Hauff und Lion Feuchtwanger haben diese Fallgeschichte einer gescheiterten Assimilation erzählt - aber erst Veit Harlan und seine Drehbuchautoren machten sich die Perspektive des judenhassenden Mobs vollständig zu eigen.

"Es gibt einige Szenen, die haben wir eins zu eins nachgestellt", sagt Roehler. "Andere haben wir sogar digital in das Original hineinkopiert." Am Ende des Films, wenn Süß gehängt wird, muss Tobias Moretti in einem Drahtkäfig verzweifelt um sein Leben flehen - genau wie seinerzeit Marian.

Hinter den Kulissen treibt Goebbels sein Unwesen

Hinter ihm aber kann man noch die Statisten von 1940 sehen, und die bis heute unheimlichen Sätze des Endes ("Für ganz Württemberg gilt hiermit der Judenbann!") spricht nach wie vor, den Szenen des Originals entnommen, der schwäbelnde Knattermime und NS-Theaterfunktionär Eugen Klöpfer.

Das ist der eine Teil. Im anderen Teil aber geht Roehler hinter die Kulissen, wo Goebbels sein Unwesen treibt. Goebbels ist es, der den Regisseur Harlan und seine Autoren immer wieder anfeuert, komplexere, dramaturgisch vollständigere Figuren zu schaffen - damit die Ideologie umso perfider transportiert werden kann; er besteht auf mehr Sex, mehr Skandalpotential; er macht das Casting der Hauptfigur zur Chefsache.

Denn Ferdinand Marian, ein schnauzertragender Charmeur mit Wiener Schmäh, erfolgreich, aber nur in den zweiten Reihe der Ufa-Stars, weigert sich, ziert sich, flüchtet. Wie vor ihm schon Jannings, Gründgens, Dahlke. Doch Goebbels bleibt Sieger. "Marian begreift viel zu spät, in was er da eigentlich hineingeraten ist", sagt Roehler. "Und er bezahlt einen hohen Preis dafür."

Tatsächlich gibt es die Theorie, dass Marians Unfalltod, kurz nach dem Krieg im Jahr 1946, tatsächlich Selbstmord war. Das gefällt Roehler, das macht er sich zu eigen: der Teufel und sein Schmierenkomödiant - ein faustischer Pakt mit bösen Folgen.

Wobei natürlich alles von der Kraft und Verführungskraft des Teufels abhängt. "Mir war von Anfang an klar, wer das spielen muss", sagt Roehler. "Ich dachte an Moritz Bleibtreu." Mit dieser Vision stand er allerdings lange Zeit ziemlich alleine da - sogar die eigenen Produzenten waren dagegen.

Roehler blieb hart, und es wäre wohl eine Untertreibung zu sagen, dass er über diese Entscheidung glücklich ist. "Moritz Bleibtreu ist mit Abstand der größte deutschsprachige Schauspieler, den wir seit langen Jahren hatten", sagt er. "Er ist ein brillanter Komiker, er hat eine unglaubliche Tragik, er ist ein perfekter Imitator. Schauen Sie ihn drei Minuten als Goebbels an - und Sie haben komplett vergessen, wer das da spielt."

Natürlich soll dieses ganze Unternehmen auch provozieren und Widerspruch herausfordern - das wäre Roehler nur recht. "Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der ein kritischer Diskurs gar nicht mehr möglich ist", sagt er. "Wenn selbst Fernsehhanseln wie Beckmann und Kerner sich plötzlich als Gralshüter der politischen Korrektheit aufspielen, dann reicht es mir. Dann muss ich als Künstler etwas dagegen tun."

Was er als nächstes tun will, steht auch schon fest - Goebbels' Leben soll unter seiner Regie zum Gangsterdrama werden, "das sich ganz klar an Scarface" orientiert - praktisch die Fortsetzung von Jud Süß: "Dieser Film wird ,Der kleine Doktor' heißen", sagt Oskar Roehler und grinst.