"Barry Seal" im Kino Ein Film, durchsonnt vom Sunnyboy-Flair

Genau der richtige Job, um sein "Top Gun"-Grinsen zu reaktivieren: Tom Cruise als Schmuggelmeister Barry Seal.

(Foto: David James/Universal)

Koks, Kalaschnikows und Unmengen an Geld: In "Barry Seal" spielt Tom Cruise einen Piloten, der für die CIA spionierte und für Pablo Escobar schmuggelte. Das ist so bizarr wie charmant.

Von Doris Kuhn

Geld überall. In den Schubladen, auf den Regalen, unter der Couch. Im Haushalt von Barry Seal breiten sich die Geldbündel so anarchisch aus, wie es sonst eigentlich nur Kinderspielzeug schafft, und so ähnlich wird es von Seal und seiner Frau auch wahrgenommen: Es nervt.

Diese nachlässige Haltung ist das Sympathische an Barry Seal. Er schätzt sein Geld, aber er nimmt es nicht übermäßig wichtig, genauso wenig wie sich selbst. Dafür hat er auch kaum Zeit, denn er muss ein Flugzeug in Schuss halten, einen Privatflugplatz führen, Schmuggelware fliegen. Das sind die glücklichen Tage in Doug Limans Film "Barry Seal - Only in America", der Verbrechen, gute Laune und Zeitgeschichte leichtherzig kombiniert.

Medellín, oder auch: Pablo-Escobar-Stadt

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Erzählt wird die wahre Geschichte vom 1986 verstorbenen Piloten Barry Seal, für dessen Bargeld die Banktresore der Kleinstadt Mena im US-Staat Arkansas in diesem Film nicht ausreichen. Der Grund für seine ungewöhnlichen Einnahmen war seinerzeit einigermaßen geheimnisumwittert, aber mittlerweile gilt: Seal war einer der größten Waffen- und Drogenschmuggler zwischen den USA und Lateinamerika in den späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahren. Er operierte deshalb so erfolgreich, weil er den Schutz der CIA genoss.

Eine reale Person also, bekannt ist auch die Historie: Ronald Reagan, seit 1981 Präsident, richtete seine Paranoia gen Lateinamerika und unterstützte heimlich die Contras in Nicaragua bei der Sabotage ihrer Regierung. In Kolumbien expandierte zur gleichen Zeit das Medellín-Kartell, das zentnerweise Kokain nach Amerika absetzte. Aus diesen Ereignisse, die bis heute Raum lassen für Verschwörungstheorien aller Art, destilliert Doug Liman ein Abenteuer, das den Zuschauer mitnimmt ins Herz der Gefahr - oder zumindest mit ins Cockpit von Seals Schmuggelflugzeug, das ist aufregend genug.

Man ist dabei, wenn er sein Flugzeug in Mena mit Kalaschnikows belädt, diese in ein Camp der Contras liefert, wenn er dann weiterdüst nach Kolumbien zum Kokain, um es auf dem Rückweg über Louisiana abzuwerfen. Die Gewehre kommen von der CIA, das Koks von Pablo Escobar, der ihn fantastisch bezahlt, damit er nicht mit leerem Frachtraum über die Grenzen fliegt. Bei seinen Flügen hält Seal sich geschickt unter jedem Radar, er schleicht niedrig über Dschungel oder Meer hinweg, er schlängelt seine kleine Maschine zwischen den Ölbohrinseln vor der texanischen Küste hindurch, so tief, dass man den Arbeitern in die Augen schauen kann.

Barry Seal wird von Tom Cruise gespielt, der hier zu bester Sunnyboy-Form aufläuft, immer vergnügt, solange der Adrenalinpegel stimmt. Sein Barry Seal hat zwei Talente. Erstens kann er fliegen wie sonst keiner. Und zweitens kann er Ja sagen, wenn Nein die richtige Antwort wäre. Dazu setzt Cruise sein altes "Top Gun"-Grinsen auf und benimmt sich jugendlich leichtfertig; Regisseur Doug Liman macht ungefähr das Gleiche in seiner Inszenierung. Er zieht den Film auf wie ein Tagebuch, dem immer mal wieder ein paar Seiten fehlen, damit das Tempo nicht zu langsam wird. Als wären Fotos eingeklebt, erklärt Seal seine Geschäfte in kurzen Videoclips, er schreibt Jahreszahlen daneben, malt kleine Landkarten.

Das FBI stürmt seinen kleinen Flughafen, aber Ronald Reagan lädt ihn ins Weiße Haus ein

Pablo Escobar weiß zwar, dass er für die CIA Spionage betreibt, die CIA aber weiß nicht, dass er in Escobars Geschäfte verwickelt ist - zumindest ist das die offizielle Haltung, solange Seal zuverlässig liefert. Liman, der mit Tom Cruise schon "Edge of Tomorrow" gedreht hat, stellt die Interessen von Drogenhändlern und Politikern nebeneinander. Und als Zuschauer findet man die der Drogenhändler deutlich einleuchtender. Die wollen Geld verdienen. Reagan hingegen will amerikanischen Geist in Nicaragua, Panama, Kolumbien und ist dafür gern bereit, ein paar Befugnisse zu missbrauchen. Je irrer seine Pläne sind, je enthusiastischer Seals CIA-Mittelsmann sie durchsetzen will, desto amüsierter stellt der Film sie vor, bis man anfängt zu kichern.

Wenn man sieht, wie Doug Liman die erste Amtszeit Reagans seziert, und zwar häufig anhand von Archivmaterial aus TV-Ansprachen, muss man sagen: Verglichen damit wirkt Trump ziemlich uninspiriert. Dann werden alle immer verrückter. Barry Seal liefert die Gewehre nur zur Hälfte an die Contras, den Rest bringt er auf eigene Faust nach Kolumbien. Escobar braucht sie für sein Imperium, er bezahlt fantastisch. Die CIA baut eine geheime Militärbasis in Arkansas, um extra eingeflogene Contras auszubilden. Barry Seal hat Probleme, sein ganzes Geld zu waschen, also gibt er es den Banken, die in Mena jetzt an jeder Straßenecke stehen. Aber auch die Behörden wachen auf. In einem Moment, in dem das kriminelle Gesamtbild dieser Schmugglergeschichte sichtbar wird, stürmen FBI, DEA, ATF und die Polizei gleichzeitig auf Seals Flughafen. Und Reagan? Reagan empfängt ihn im Weißen Haus.

Trotz der bizarren Turbulenzen wird der Film nie düster oder unglaubwürdig, sondern bleibt durchsonnt vom Sunnyboy-Flair, das für alles eine charmante Lösung verspricht. Genauso eine Lösung haben dann ja viele gefunden, die an der Iran-Contra-Affäre beteiligt waren. Da kann ein Film die Realität gar nicht toppen.

American Made, USA 2017 - Regie: Doug Liman. Buch: Gary Spinelli. Kamera: César Charlone. Mit Tom Cruise, Domhnall Gleeson, Sarah Wright Olsen. Universal, 115 Minuten.

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