Ausstellung in Berlin Mit der Macht des Todes

Valérie Favre, Selbstmord (2003-2013), Ausstellungsansicht

(Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Hans-Georg Gaul)

Frauen und Malerei, das sei eine ganze schwierige Beziehung. Ihre "Blümchen"-Bilder seien teilweise "scheiße". Eigentlich habe sie "alles falsch gemacht". Künstlerin Valérie Favre provoziert, auch mit ihrer aktuellen Ausstellung zum Thema Suizid - und überzeugt.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Es gibt viele Wege, freiwillig aus dem Leben zu scheiden - in Berlin-Mitte sind nun die meisten davon ausgestellt. Auf Leinwänden im klassischen Bildformat, 18 mal 24 Zentimeter klein, hängen sie fein säuberlich an der Wand. Künstlerin Valérie Favre hat sie gemalt, insgesamt 129 Bilder an der Zahl. Das ist eine ganze Menge, und das ist eigentlich harter Stoff.

Dass die Ausstellung "Selbstmord - Suicide" in den Räumen des Neuen Berliner Kunstvereins (nbk) an der Chausseestraße trotzdem weder billig provokativ noch unangenehm berührend, weder sentimental noch belehrend wirkt, das liegt vor allem an der Herangehensweise der Künstlerin. Die gebürtige Schweizerin, Jahrgang 1959, hat lange Zeit in Paris gelebt und unter anderem als Schauspielerin gearbeitet, bevor sie Ende der 80er Jahre zur Malerei und zehn Jahre später nach Berlin fand. Dort lehrt sie inzwischen als Professorin für Malerei an der Universität der Künste. Dementsprechend viel nüchterne Theorie gibt sie den Besuchern an die Hand, als sie ihre Ausstellung zusammen mit nbk-Direktor Marius Babias vorstellt. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Favre hat eine kleine Kulturgeschichte des Suizids gemalt. Und das ziemlich hinreißend.

Vom Riesenrad gestürzt

"Mit Pistole", "erhängt", "im See ertrunken" oder auch "vom Riesenrad gestürzt" hat sie mit Bleistift unter die Bildchen geschrieben, auf denen die jeweilige Todesart illustriert ist - in gedeckten Farben, meist nur Schattierungen von Schwarz (Tod) und Gelb (Leben, oder auch Verglühen). Bloß kein Rot, das war ihr wichtig. Kein Blutrausch, keine Sensationsgier.

Der Moment des Todes ist mal mehr, mal weniger gut zu erkennen, bisweilen nur zu erahnen - und manchmal wüsste der Betrachter nicht, was gemeint ist, wenn es nicht drunter stünde, so abstrakt wird die Malerei an manchen Stellen. Und das ist gut so. Der Tod muss nicht in allen Einzelheiten dargestellt werden, hier reicht schon die Ahnung von einem erstarrten Gesicht, einem ermatteten Körper, oder einem Unterarm, in dem eine Fixernadel steckt.

Kein Bild ist wie das andere, seit 2003 hat die Künstlerin an dem Gesamtwerk gearbeitet, das nun erstmals in Gänze zu sehen ist, an manchen Einzelbildern bis zu zwei Jahre lang. Die Mühe hat sich gelohnt: Jedes Bild erzählt, eingebettet in den großen Zyklus, noch mal eine eigene Hintergrundgeschichte.

Rund die Hälfte der Bilder zeigt nicht nur die Todesarten, sondern berühmte Personen, die mehr oder weniger freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Darunter sowohl fiktive (Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Thelma und Louise) als auch echte (Marilyn Monroe, Kurt Cobain, Ernest Hemingway, Mark Rothko, Alexander McQueen, Klaus Mann, Ulrike Meinhof, Adolf Hitler).

Das meiste bleibt schemenhaft angedeutet, anderes ist figürlich, zum Greifen nahe. Faszinierend ist vor allem die Vielfalt der Stilmittel, die Favre wählt.

Das Bild zum Suizid von Vincent van Gogh etwa wirkt wie ein Stillleben von ihm selbst, mit plastischem Pinselstrich; sogar das Gelb seiner Sonnenblumen erstrahlt noch mal. Ein anderes Bild erinnert an Keith Haring - die Künstlerin bedient sich an Figuren, Vorbildern und Darstellungsformen der Kunstgeschichte. So fügt sich alles zu einer großen Erzählung über das selbstgewählte Sterben. Allerdings weder gefühlig noch mahnend: Mit einer fast ironischen Distanz seziert die Künstlerin das Phänomen der Selbsttötung, die sie auch gesellschaftlich nicht bewertet sehen will.