Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany" Legendäre Fehlbesetzung

Audrey Hepburn als freches Callgirl Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany" ist Legende. Dabei sollte die Hauptrolle eigentlich ein anderer Hollywoodstar bekommen. Ein neues Buch blickt hinter die Kulissen des Drehs.

Von Eva Schäfers

Das einzig Anfechtbare an diesem Buch ist sein deutscher Titel, den die Lektoren anscheinend diesem Buch gegeben haben: "Verlieben Sie sich nie in ein wildes Geschöpf". Das war es ja gerade - die Schauspielerin Audrey Hepburn war in ihren braven Prinzessinnenrollen so gar nicht wild und als freches Callgirl in "Frühstück bei Tiffany" tatsächlich eine eklatante Fehlbesetzung.

Audres Hepburn als Holly Golightly. Eine Filmlegende. Dabei sollte eigentlich Marilyn Monroe die Rolle spielen.

(Foto: obs)

Wütend war darüber der Autor Truman Capote, der bei seiner leichtfertigen Heldin Holly an seine Freundin - na ja - Marilyn Monroe gedacht hatte. Der amerikanische Original-Titel "Fifth Avenue, 5 a. m." klingt dagegen zunächst nüchtern, aber beschwört im Kopf anregende Bilder herauf: von Manhattans Wolkenkratzern und von Dreharbeiten im kühlen Morgendunst.

Der Autor Sam Wasson spricht - in seinen Anmerkungen zu den Anmerkungen, wobei jene so amüsant und aufschlussreich zu lesen sind wie das ganze Buch - von der schwierigen Gratwanderung zwischen analytischer Schärfe und phantasievoller Annäherung, die ein gutes Sachbuch zu leisten habe.

Um es deutlich festzuhalten: Genau dies ist Wasson rundheraus gelungen. Und er holt weit aus - wir lernen alle am Film Beteiligten kennen: die "Bulldogge" Truman Capote, die beiden Produzenten Marty Jurow und Richard Shepard, den Drehbuchautor George Axelrod, den Regisseur Blake Edwards, die mächtige Kostümbildnerin Edith Head und natürlich Audrey Hepburn selbst - samt Ehemann Mel Ferrer, der ihre Drehbücher las und ihre Rollen aussuchte.

Dieses Buch leistet aber nun weit mehr als eine solide recherchierte Biographie: Wir erfahren eben nicht nur Substantielles über Audrey Hepburn und alle am Tiffany-Filmprojekt beteiligten Menschen, sondern auch über das Frauenbild der 1950er Jahre; außerdem: wie die Filmindustrie Hollywoods funktionierte, warum es die Filmkunst dagegen so schwer hatte und mit welchen Listen Regisseure wie Billy Wilder versuchten, "Gewagtes" an Hollywoods oberster Zensurbehörde vorbeizuschmuggeln.

In seinen Anmerkungen erklärt Sam Wasson, wie er mit dem umfangreichen Quellenmaterial umging - bei der mythenumrankten Begegnung zwischen Audrey und der französischen Schriftstellerin Colette (die eine passende Besetzung für die Theaterrolle der Gigi suchte) beispielsweise habe er diejenige ausgewählt, die die größte "Schnittmenge" mit allen aufwies.

Dies war seine fundierte Recherchebasis; diese sowie andere Begegnungen und Szenen malt Sam Wasson nun so farbig und nuancenreich aus, spickt sie mit Verben wie einen saftigen Rehrücken, dass die Szenen funkeln und vor Leben vibrieren.

Und manchmal gilt eben auch: Wahr ist nicht, was war, sondern wie es gewesen sein könnte. Die Verabredung des Produzenten Marty Jurow mit Truman Capote im feinen New Yorker Colony Restaurant - wie der boshafte Schriftsteller mit dem zärtlichen Spitznamen "tiny terror" seinen Auftritt zelebriert: grinsend, wie ein Kobold vorwärts hüpfend, von den Restaurantbesuchern Luftküsse erhaschend, die ihm von allen Seiten entgegenflogen.

In Biographien über Filmstars werden oft Klatsch, unkritisch übernommene Zitatschnipsel und eine oberflächliche Werkschau zu einem faden, klebrigen Porridge verrührt. Besonderen Überdruss erleidet der Leser beim Sujet Audrey Hepburn, denn viele Legendenschreiber erliegen ihrem Charme und schwärmen unkritisch von ihrer Anmut und Reinheit. Dieses kluge - und übrigens mit schönem Papier und apartem Leineneinband sehr ansprechend gestaltete - Buch hebt sich davon wohltuend ab.

Verlieben Sie sich nie in ein wildes Geschöpf. Audrey Hepburn und "Frühstück bei Tiffany". Deutsch von Dörte Kaiser. Steidl Verlag, Göttingen 2011. 251 Seiten, 16 Euro.