Joan Didion wird 80 Die kalifornische Kassandra

Joan Didion Author Joan Didion considers a question in her New York apartment, Thursday, Sept. 27, 2007, while being interviewed for a short promotional film for David Halberstam's 'The Coldest Winter,' the final book by the Pulitzer Prize-winning journalist who was killed last spring in a California car accident. (AP Photo/Kathy Willens)

(Foto: AP)

Sie schrieb Kriegsreportagen und trank Cocktails mit den Stars. Dann trat das Unheil in ihr eigenes Leben und sie sezierte es so gnadenlos wie niemand sonst. Joan Didion, die große Journalistin und Schriftstellerin, wird 80 Jahre alt.

Von Willi Winkler

Jeder Schreiber, jede Schreiberin wollte sein wie sie. Eine Reportage aus El Salvador im Bürgerkrieg, ein Drehbuch für Robert De Niro und Robert Duvall, zu Besuch bei den Doors oder bei John Wayne, zwischendurch, warum nicht, ein Roman. Heute hier, morgen dort, und immer in diamantharter Prosa, jede Silbe gehämmert für die Ewigkeit, wetterbeständig wie sonst nur die Zehn Gebote.

Schreiben vom frühen Morgen an mit der Unerbittlichkeit Flauberts, aber zum Cocktail mit der gelben 69er Corvette Sting Ray aus den Hollywood Hills hinunter nach Malibu brettern, wo die anderen, die Reichen, die Berühmten, die Schönen bereits warten, beste Freunde alle selbstverständlich, aber auch nur Material für die nächste Reportage, für eine Kolumne, für einen Roman. "Ich schreibe, und das bin ich."

Entwickelte früh Schriftsteller-Neurosen

Joan Didion kam in Sacramento zur Welt, der ehemaligen Goldgräberstadt. Als Soldat wurde ihr Vater ständig versetzt, die Familie musste mit. Das Kind entwickelte früh die für Schriftsteller vorgeschriebenen Neurosen, wurde licht- und geräuschempfindlich, träumte Selbstmordgeschichten und entwickelte bei jeder Gelegenheit Migräne. Manchmal genügte es, wenn das Muster auf den Vorhängen nicht zum Nachmittagslicht passte.

Hölle unter Palmen

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In der New Yorker Redaktion der Vogue lernte sie Möbel, Kleider und Models bedichten, aber das in einer Bildunterschriftsknappheit, die selbst Hemingway den Atem geraubt hätte. Sie zog mit einem Mann zusammen, was keine gute Idee war, weil der auch schrieb, aber nicht so gut wie sie. Rücksichtslos tratschte sie an die Leser ihrer Kolumne weiter, wie sie die Koffer packte, um fortzugehen, wie sie weinte, und wie er ihr dabei ungerührt zusah.

Ihr Thema war immer auch sie selbst

Das Ich, im deutschen Journalismus so gut wie tabu, ist im religiös dauererweckten Amerika keine ungewöhnliche Verkehrsform. Melville lässt im ersten Satz seines "Moby Dick" den Erzähler auftreten, Saul Bellows "Abenteuer des Auge March" beginnen mit einer selbstbewussten Vorstellung: "Ich bin Amerikaner." Joan Didion hat sich von Anfang an nicht bloß zum Thema, sondern zum Ausbeutungsgegenstand ihrer Geschichten gemacht.

Dabei ist sie die schlechteste Reporterin, die sich ein Chefredakteur nur albträumen kann: "Ich kann schlecht interviewen. Ich meide Situationen, in denen ich mit dem Pressevertreter von jemandem reden muss. Ich telefoniere nicht gern (. . .) Mein einziger Vorteil als Reporterin ist, dass ich von so kleiner Gestalt bin, von so unaufdringlichem Wesen und in geradezu neurotischer Weise um Worte verlegen, dass die Leute eher vergessen, wie sehr meine Gegenwart ihren persönlichen Interessen zuwiderläuft."

Das ist alles ein bisschen kokett, aber es gibt noch immer Zeitschriften in Amerika, die umfangreiche Geschichten drucken, Reportagen von Joan Didion, in denen auch solche Skrupel beim Recherchieren mitgeschrieben werden können, in denen die individuelle Erfahrung abgeglichen wird mit soziologischen, psychologischen Erkenntnissen, in denen die politischen Verhältnisse zur Sprache kommen.