9. November 2012 11:04 Interview-Reihe "China verstehen" "Die Intellektuellen wollen ihren Besitzstand wahren"

Chinas Politelite leitet dieser Tage den Machtwechsel ein - hinter verschlossenen Türen. Nicht nur deshalb bleibt uns die Weltmacht fremd. Süddeutsche.de spricht mit Kennern über Gegenwart und Zukunft des Landes. Zum Auftakt erklärt der Sinologe Wolfgang Kubin, was sich die Intellektuellen im Land vom Machtwechsel erhoffen.

Interview: Johannes Kuhn

Chinas kommunistische Partei beschließt den Austausch ihrer Führungsriege. Die Zäsur kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Land sich geopolitisch längst auf Augenhöhe mit den USA befindet, gleichzeitig aber von vielen inneren Konflikten geprägt ist. In dieser Reihe von Kurzinterviews spricht Süddeutsche.de mit Landeskennern über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage in China.

Wolfang Kubin: "Gäbe es einen chinesischen Weg? Hier blickt niemand so recht durch."

(Foto: Eckhard Henkel, CC BY 3.0)

Den Anfang macht Wolfgang Kubin. Geboren 1945 in Celle, ist Kubin Emeritus der Universität Bonn, Übersetzer und Schriftsteller, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Sinologen der Gegenwart. Derzeit arbeitet er als Senior-Professor in Peking, ansonsten lebt er in Bonn und Wien.

Süddeutsche.de: Was erwarten sich chinesische Intellektuelle von der neuen Führungsriege?

Wolfgang Kubin: Die chinesischen Intellektuellen sind Nutznießer der Reformperiode seit 1979. Sie leben heute oft in geschützten Wohnanlagen, die mit einer Mauer umgeben sind und von Sicherheitskräften bewacht werden. Die Gärten sind schön angelegt, die Wohnung meist groß und licht. Das soll sich nach Ansicht ihrer Bewohner nicht ändern. Das bedeutet, dass sie ihren Besitzstand gewahrt wissen und keinesfalls bei kommenden Reformen Einbußen hinnehmen wollen. Daher sind sie für langsame Veränderungen, die nun aber auch das Politische mit einbeziehen sollten.

Was bedeutet das?

Nach einer bereits beginnenden Demokratisierung von unten auf dem Land und in der Stadt soll nun eine von oben folgen. Diese soll von der Partei ausgehen, freie Rede einschließen und Korruption eindämmen. Widersacher sind dabei die Beamten, die ihren Besitzstand nicht offenlegen wollen, sei es, weil sie zu Unrecht zu Reichtum gekommen sind, sei es, weil sie Mindereinnahmen befürchten. Reform wollen alle, zumindest dem Bekenntnis nach, doch keiner weiß so recht wie. Nach dem amerikanischen Modell? Nach dem europäischen? Gäbe es einen chinesischen Weg? Hier blickt niemand so recht durch.

Wie spiegeln sich die Veränderungen während der Ära Hu Jintaos in der chinesischen Literatur?

Von einer wirklichen Widerspiegelung kann wohl nicht die Rede sein. Trotzdem lassen sich Folgen beobachten: In Abkehr von der sozialen Realität hat sich oftmals eine Unterhaltungskultur herausgebildet, welche sich in Film, Funk, Fernsehen niederschlägt und mitunter an die niederen Instinkte appelliert. Vor allem junge Literaten, die sogenannten "Nachachtziger", lassen ihre Romane nur noch in der Gegenwart spielen und sprechen ein junges Publikum an, welches Konsum verlangt und diesen auch genießt. Eine Vergangenheit wie bei Mo Yan oder eine Utopie wie noch in den 80er Jahren werden nicht mehr reflektiert.

Gibt es Berührungspunkte zwischen Dissidenten aus dem Kunstbereich und der aufstrebenden Mittelschicht?

Der Chinese an sich pflegt in der Regel nicht besonders solidarisch zu sein. "Literaten verachten einander" ist ein geflügeltes Wort seit etwa 200 nach Christus. Das gilt leider oftmals bis heute. Künstlern wie Ai Weiwei wirft man hier vor, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den anderen guten Kräften in der Literatur zum Beispiel keinen Spielraum mehr zu geben. Die internationale Presse hat sich auf wenige chinesische Intellektuelle fixiert, so dass darüber hinaus die anderen international angesehenen Dichter kaum mehr außerhalb der Fachgebiete wahrgenommen werden.

Wie wurde Liao Yiwus Rede aufgenommen, die er beim Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hielt?

Die Rede und die Forderung nach einem Untergang des "Imperiums" hält man für verantwortungslos, da dabei viele ums Leben kommen würden, während er von außen zuschauen könnte. Dissidenten wie er seien geistig beim 4. Juni 1989 stehengeblieben und sähen nicht die gewaltigen Veränderungen seitdem. Seine Kritiker gehören natürlich heute zur neuen Mittelklasse, denen es in der Tat materiell sehr, sehr gut geht.