23. November 2012 17:11 "Cold Blood" im Kino Western im Schnee

Der Österreicher Stefan Ruzowitzky, Gewinner des Auslands-Oscars 2008, beweist beim Sprung nach Hollywood eine kühle Souveränität: "Cold Blood - Kein Ausweg, keine Gnade" ist ein klassischer Thriller mit Tiefe und Substanz.

Von Anke Sterneborg

Addison (Eric Bana) und Liza (Olivia Wilde) müssen sich getrennt bis zur kanadischen Grenze durchschlagen - Szene aus "Cold Blood - Kein Ausweg, Keine Gnade".

(Foto: dpa)

Diese Art, wie hier alles im Grunde ganz einfach aussieht, dann aber gründlich aus dem Ruder läuft - die kennt man aus den Filmen der Coen-Brüder. Ein Casino-Raub geht daneben. Der Fluchtwagen schlittert durchs verschneite Michigan, kommt von der Fahrbahn ab, landet auf dem Dach im Graben. Der Fahrer ist tot, die Geschwister Addison und Liza leben. Ein Cop hält an der Unfallstelle. Und Addison entschuldigt sich, bevor er ihn kaltblütig erschießt.

Das ist erst der Anfang einer langen, wilden Irrfahrt durch diese eisige, abgeschiedene Landschaft, in der Menschen leicht mal erfrieren können, zumal wenn sie, wie Liza, nur ein dünnes Pailletten-Abendkleid tragen. Der Österreicher Stefan Ruzowitzky, mit seinen "Fälschern" der Gewinner des Auslands-Oscars 2008, hat diese Geschichte für sein US-Debüt ausgewählt. Man kann sich vorstellen, dass es nach einem solchen Triumph gar nicht leicht ist, aus der Flut der Angebote das passende Projekt zu fischen. Doch Ruzowitzky, der schon in Filmen wie "Die Siebtelbauern" und "Anatomie" ein Gespür für das Unterhaltungspotential auch schwieriger Stoffe bewiesen hat, wusste sehr genau, was er wollte: Einen Thriller mit Action, gerne auch mit Gewalt, vor allem aber mit komplexen Charakteren, für die man neben großartigen Schauspielern wie Eric Bana, Olivia Wilde und Kate Mara auch Veteranen wie Sissy Spacek, Kris Kristofferson oder Treat Williams gewinnen kann.

So verstrickt Ruzowitzky seine gebeutelten Helden also nicht nur in Fallstricke des Verbrechens, sondern zugleich in ein dichtes Gestrüpp aus disfunktionalen Familienbeziehungen. Als da wären: die beunruhigend intime Vertrautheit der Geschwister, eine Verbundenheit, die nicht zuletzt aus dem Widerstand gegen den gewalttätigen Vater resultiert; das angespannte Verhältnis zwischen dem gerade aus dem Gefängnis entlassenen Ex-Boxer Jay (Charlie Hunnam) und seinem strengen, unnahbaren Vater; die Herablassung, mit der Sherriff Becker (Treat Williams) seiner Tochter behandelt, die sein Deputy ist - obwohl sie in dem ganzen Irrsinn als einzige ein paar richtige Entscheidungen trifft.

Raub-Mord-Fluchtgeschichte

Ursprünglich sollte der Film vieldeutig "Kin" heißen, was im weitesten Sinne Verwandtschaft heißt - jene Sorte Blutsverbundenheit, die nicht nur Geborgenheit, sondern vor allem Probleme birgt. Das obsessive Verhältnis der Amerikaner zur Familie, diese verbissen destruktive Art, mit der diese gegen jeden äußeren Anschein idealisiert wird - das interessierte Ruzowitzky an Zack Deans Drehbuchdebüt. Diese Perspektive gibt der Raub-Mord-Fluchtgeschichte Tiefe und Substanz - und die großartigen Schauspielern brauchen kaum Dialoge, um das spürbar zu machen.

Der Blick des Außenseiters, der dennoch ein Gefühl für die Nuancen der amerikanischen Kultur hat, der Wechsel von leisen Momenten, brachialer Gewalt und virtuoser Action - Ruzowitzky schafft ein eisiges Noir-Americana, ganz ohne moderne ironische Brechungen, gradlinig wie ein klassischer Hollywoodfilm.

Ein Western, nur mit Snowmobiles statt Pferden, ein Thriller, der auf angenehm altmodische Weise sogar an Klassiker wie Raoul Walsh oder William Wyler erinnert: So wie in "An einem Tag wie jeder andere" fallen die Raubmörder auch hier in die scheinbare Idylle eines Familienfestes ein. Es ist Thanksgiving Night - die Nacht, in der sich selbst in den heilsten Familien die verborgenen Risse abzeichnen.

Deadfall, USA 2012 - Regie Stefan Ruzowitzky. Drehbuch: Zack Dean. Kamera: Shane Hurlbut, Musik: Marco Beltrami. Mit: Eric Bana, Olivia Wilde, Charlie Hunnam, Sissy Spacek, Kris Kristoffersen, Treat Williams, Kate Mara. Studiocanal, 95 Min.