66. Filmfestival von Locarno Feucht und froh

Wenn Tausende unter freiem Himmel im Kino sind: Die Piazza Grande in Locarno während einer Filmvorführung.

(Foto: dpa)

Freiluftvorstellungen mit bis zu 8000 Menschen, selbst bei Regen: Das ist das Markenzeichen des Filmfestivals im malerischen Locarno. Bei dessen 66. Auflage hinterlässt der deutsche Film bislang einen guten Eindruck. Die Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman "Feuchtgebiete" zählt sogar zu den Favoriten für den Hauptpreis des Festivals - trotz gemischter Reaktionen.

Die Halbzeitbilanz des 66. Internationalen Filmfestivals Locarno fällt erfreulich aus. Die Filme im Wettbewerb um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, stießen bislang auf wohlwollende Reaktionen des Publikums.

Die besondere Attraktion in Locarno sind die abendlichen Freiluftaufführungen von Filmen außerhalb der Konkurrenz für rund 8000 Zuschauer auf der malerischen Piazza Grande. Sie locken selbst bei Regen ein großes Publikum an, daneben ist für viel Unterhaltung gesorgt und Stars lassen sich ebenfalls blicken.

Beifall gab es vom Großteil des Publikums und der Journalisten für den deutschen Wettbewerbsbeitrag "Feuchtgebiete" von Regisseur David Wnendt ("Die Kriegerin"). Die Adaption des bei seinem Erscheinen 2008 als Skandal gehandelten Romans von Charlotte Roche stieß bei der Vorführung vor mehr als 3500 Zuschauern am Sonntagabend und beim anschließenden Publikumsgespräch auf Zustimmung.

Bei einer international besetzten Pressekonferenz zum Film gab es allerdings auch Stimmen, die Roman und Film pauschal als "ekelhaft" klassifizierten. Charlotte Roche, die Autorin der Buchvorlage, die zur Aufführung des Films nach Locarno kam, konterte: "Vor Jahrzehnten haben Frauen öffentlich ihre Büstenhalter verbrannt, um die Emanzipation voranzutreiben. Das muss man leider immer mal wiederholen."

Wnendt habe das Porträt der 18-jährigen Helen mit Fingerspitzengefühl umgesetzt, hieß es. Ihre Obsession für Hämorrhoiden, Sperma und Vaginalflüssigkeit wird begreifbar als Flucht vor der Angst, von der Umwelt nicht als Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, vor dem Schmerz des Alleinseins.

Der mit Meret Becker, Christoph Letkowski und Axel Milberg auch in Nebenrollen mit bekannten Namen besetzte Film fesselt zudem insbesondere als sensible Auseinandersetzung mit der Furcht vor dem Sterben. Hauptdarstellerin Carla Juri sieht den Film, wie sie in Locarno sagte, "als Auseinandersetzung mit universellen Themen".

Charlotte Roche: "Ich bin sehr glücklich über diesen Film"

Das habe ihr auch das Spielen expliziter Nacktszenen leicht gemacht. Dazu sagte die Schauspielerin, die im Februar auf der Berlinale als eine von zehn europäischen Shooting Stars ausgezeichnet wurde: "Ich empfinde eine große Empathie für Helen. Deshalb kann ich ihre extreme Rebellion, die ja nicht kalkuliert ist, sondern ihren Gefühlen und ihrem Schmerz entspricht, auch ohne Scheu spielen."

Charlotte Roche, die Autorin der Romanvorlage, reiste zur Aufführung des Films nach Locarno. Sie ist von der Inszenierung und dem Spiel der Darsteller begeistert, wie sie mit strahlendem Lächeln am Ufer des Lago Maggiore versicherte: "Ich bin sehr glücklich über diesen Film." Sie ergänzte: "Ich hatte ja bewusst entschieden, mich nicht einzumischen. Mein Vertrauen in David Wnendt und die anderen ist aufs schönste bestätigt worden."

Bleibtreu vom Publikum gefeiert

Auch außerhalb des Wettbewerbs machte das deutsche Kino in Locarno auf sich aufmerksam. Beifall gab es für die belgisch-luxemburgisch-deutsche Produktion "Vijay and I" des belgischen Regisseurs Sam Gabarski. Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu wurde vom Publikum für seine Interpretation eines irrtümlich für tot erklärten Berliner Schauspielers in New York gefeiert.

Die Komödie, die am 5. September in den deutschen Kinos anläuft, straft das Klischee von den humorlosen Teutonen augenzwinkernd und charmant Lügen.

Neben "Feuchtgebiete" gilt bisher der französische Wettbewerbsbeitrag "Gare du Nord" als stärkster Anwärter auf den Goldenen Leoparden.

Regisseurin Claire Simon taucht mit dem Film in das alltägliche Geschehen auf dem berühmten Bahnhof Gare du Nord in Paris ein. Die von einem melancholischen Grundton getragene Erzählung enthüllt effektvoll in zahlreichen Episoden Sorgen, Hoffnungen und Träume von Menschen aus allen sozialen Schichten.

Ehrenleopard für Werner Herzog

Wird "Feuchtgebiete" wesentlich von der Präsenz von Hauptdarstellerin Carla Juri geprägt und "Vijay and I" von Moritz Bleibtreu, so ist es in "Gare du Nord" die Französin Nicole Garcia mit ihrer feinnervigen Darstellung einer todkranken Frau.

Für den Glamour-Faktor sorgten in Locarno bislang Alt-Stars wie Faye Dunaway (72) und Christopher Lee (91).

Ein weiterer Höhepunkt des Festivals wird am Donnerstag der außerhalb des Wettbewerbs auf der Piazza Grande laufende neue Films der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck sein, "Mr. Morgan's Last Love". Darin spielt der britische Oscar-Preisträger Michael Caine einen Witwer, der in späten Jahren ein neues Glück findet. Am Freitag wird Werner Herzog auf der Piazza mit einem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk geehrt. Das 66. Internationale Filmfestival Locarno endet am Samstagabend mit der Preisverleihung.