Zeugnisübergabe als Event Abiball: Hauptsache teuer

Berliner Abiturienten wurden von Kriminellen um viel Geld und ihren Abiball betrogen. Jetzt sammelt ein Radiosender Spenden, damit die Feier doch noch stattfindet. Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Über den Irrwitz pompöser Privatfeste.

Von Matthias Drobinski

Man kann jetzt spenden für die Armen, das Geld überweisen oder direkt abgeben im Sekretariat des Melanchthon-Gymnasiums in Berlin-Hellersdorf im Osten der Stadt. Auch der sozial engagierte Sender RadioBerlin 88,8 möchte die Herzen öffnen: "Helfen Sie den Abiturienten aus Hellersdorf, ihren Abiball zu feiern!" Es geht nicht um Hungernde in Afrika oder um benachteiligte Jugendliche, von denen es in Hellersdorf genug gibt.

Die tragische Geschichte geht so: Mehr als 180 Abiturienten der Schule haben 42.126 Euro gesammelt, damit das Event-Unternehmen "Easy Abi" ihnen einen Ball im feinen Maritim-Hotel am Potsdamer Platz ausrichtet. Und nun haben sich die Betrüger mit dem Geld aus dem Staub gemacht.

51 Euro kostete die Karte, mehr als 200 Euro hat jede der betroffenen Familien im Durchschnitt ausgegeben, allein für den Eintritt - neue Ballkleider, Schuhe, Anzüge und Krawatten nicht mitgerechnet. "In den letzten Jahren ist die Bedeutung des Abiballs weiter gestiegen", zitiert der Sender die Abiturientin Lisa von der Melanchthon-Schule, die Zeugnisausgabe sei "ein sehr bewegender Moment".

Anscheinend aber nur, wenn er genug kostet: "Viele Eltern versuchen oft, im Vorfeld Geld zu sparen, auf Urlaubsreisen zu verzichten, um ihren Kindern diese Feier zu ermöglichen", sagt Lisa. Da ist es natürlich schlimm, wenn das Geld weg ist. Die Frage aber, ob das alles nicht übertrieben ist, hat wohl niemand gestellt. Und auch nicht, ob die Freude über das bestandene Abi erst dann zur richtigen Freude wird, wenn eine Eventagentur den Rahmen dazu liefert.

Man kann das den Schülern, Eltern und Lehrern aus Hellersdorf nur begrenzt vorwerfen. So wie sie machen es viele. Eine andere von Easy Abi geprellte Schülergruppe hält anklagend Flugscheine in die Kameras, die sie nach Spanien hätten bringen sollen; im Internet finden sich Dutzende Anbieter für Feiern im feinsten Rahmen.

Abifeier als Ausweis sozialer Differenz

Lange vorbei sind die Zeiten, da Abiturienten im Schlabberpullover ihr Zeugnis in die Tasche packten und grußlos verschwanden; vorbei sind auch die Zeiten, da der Direktor im Musiksaal über den Ernst des Lebens sprach und der Jahrgangsbeste über den Ernst der Schule. Die Abifeier ist wieder Ausweis der sozialen Differenz, wie in den fünfziger Jahren, und die seitdem gewonnene Liberalität besteht darin, dass auch Sauftouren nach Norwegen als vollgültig durchgehen.

Ohnehin ist das Event-Abi nur ein Baustein im Gesamtkunstwerk Leben. Eigentlich können verantwortungsfrohe Eltern ihren Kindern auch keine selbstorganisierte Geburtstagsfeier mehr zumuten. "Die Ansprüche der Kids steigen, und wenn moderne Kinder zum Geburtstag einladen, dann muss es schon ein ganz besonderes Event sein", lockt die Agentur "tollkids" aus München; die Kosten gehen von 450 Euro für das Basispaket über 750 Euro für die Motto-Party mit mehr als sechs Kindern bis zu 965 Euro für die Fernsteuer-Rennauto-Party.

Der "protzigste Tag des Lebens"

Klar, dass dann auch Hochzeiten zum "protzigsten Tag im Leben" werden, wie das Jugend-Magazin Neon schreibt, mit Kutsche und Schloss und Dinner für 30.000 Euro; und wer kommt und übernachtet, zahlt auch nicht unter 500 Euro.

Bei RadioBerlin 88,8 gibt es immerhin Kritik am Spendenaufruf. "Ich habe Abiturfeiern erlebt, die einem Empfang zumindest auf Botschafterebene gleichkamen", schreibt eine Hörerin; sie fände das übertrieben. Ein anderer fasst die Sache kürzer: "Eine Grillparty geht auch."

Udes schlaflose Nächte

mehr...