Zehn Jahre Handwerksreform Bloß nicht die Hände schmutzig machen

Maler, Schreiner oder Dachdecker: Handwerksberufe haben ein Imageproblem in Deutschland.

Das Handwerk hat ein Imageproblem: Kaum jemand möchte noch Schreiner, Maler oder Dachdecker werden. Deshalb braucht Deutschland motivierte Polen, Tschechen und Ungarn, die sich noch fürs Handwerk begeistern. Sie bringen auch die etablierten Meisterbetriebe auf Zack.

Von Andreas Glas

Sigmund Freud hätte seinen Spaß gehabt. Ausgerechnet der Sohn eines Baumeisters schafft die Meisterpflicht ab. Papa, du kannst deine Zertifikate von der Wand nehmen, die sind jetzt wertlos! Exakt zehn Jahre ist es her, dass der Baumeistersohn Wolfgang Clement das deutsche Handwerk reformiert hat. In 53 Berufen braucht seither keinen Meisterbrief mehr, wer sich selbständig machen will. In 41 weiteren dürfen Gesellen nach sechs Berufsjahren ohne Brief einen Betrieb gründen. Dem damaligen Arbeits- und Wirtschaftsminister deswegen zu unterstellen, er hätte mit dem eigenen Vater abgerechnet, ist natürlich eine Zuspitzung - eine ziemlich dreiste sogar. Denn trotz Fehler hat Clements Reform das Handwerk zum Vorteil verändert. Die Reform war richtig.

Den Meisterzwang abzuschaffen gehörte vor zehn Jahren zum Maßnahmenpaket der Agenda 2010 von Kanzler Gerhard Schröder. Während die Hartz-IV-Gesetze die Masse zornig machten, brachte Wolfgang Clement (SPD) mit seinen Reformplänen die Handwerkskammern gegen sich auf. Sie fürchteten um den Ruf des Meisterbriefs als Gütesiegel. Ihr Argument: Wer eine Ich-AG gründet, ohne vorher eine Meisterprüfung abzulegen, macht qualitativ schlechtere Arbeit. Die Frage der Qualität beschäftigte die rot-grüne Bundesregierung aber nur am Rande, sie hatte andere Ziele: mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze, indem Arbeitslosen und Handwerkern aus dem europäischen Ausland der Weg in die Selbständigkeit erleichtert wird.

Richtig ist: Das Ziel, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, wurde verfehlt. Zwar gibt es heute mehr Betriebe als vor zehn Jahren, aber etwa 400 000 Handwerker weniger. Mit Clements Reform hat das aber wenig zu tun, eher mit dem Image des Handwerks, das heute als Lebensentwurf der Unterschicht gilt. Immer mehr junge Menschen treibt es an die Hochschulen, kaum jemand möchte noch Schreiner, Maler oder Dachdecker werden. Diesen Trend gab es schon vor der Reform, das Festhalten am Meisterbrief hätte daran nichts geändert. Denn um den Handwerksberuf aufzuwerten, braucht es kein goldgerahmtes Zertifikat, sondern einen mentalen Ruck in einer Gesellschaft, die vergessen hat, dass sie ohne Handwerk kein Dach über dem Kopf hätte.

Auch die Etablierten müssen jetzt auf Zack sein

In der Tat liegt das Verdienst der Reform also nicht darin, Arbeitsplätze geschaffen oder den Ruf des Handwerks verbessert zu haben. Sondern darin, an der Kruste einer Branche gekratzt zu haben, die träge und selbstgefällig geworden war. Fast jeder hat es so ähnlich schon erlebt: Trotz vereinbarten Termins kommt der Klempner, wann er lustig ist, schraubt zehn Minuten an der Leitung herum und stellt dafür eine absurd hohe Rechnung aus.

Nicht etwa aus Boshaftigkeit, der Klempner konnte es sich ganz einfach erlauben, weil er bis 2004 in einer geschlossenen Gesellschaft lebte. Denn der Meisterzwang wirkte wie eine Marktschranke, die etablierte Handwerksbetriebe vor unerwünschter Konkurrenz schützte. Die Handwerkskammern saßen wie Grenzposten an der Schranke und konnten den Marktzugang kontrollieren. Nur wer eine teure Meisterprüfung nach ihren Regeln absolvierte, durfte rein. Alle anderen mussten draußen bleiben.

Seit zehn Jahren ist Schluss damit. Heute gibt es fast 160 000 Betriebe mehr als vor der Reform, etwa 50 000 davon gehören Handwerkern aus Mittel- und Osteuropa. Während sich immer mehr Deutsche zu schade sind, sich im Job die Hände schmutzig zu machen, gibt es viele motivierte Polen, Tschechen und Ungarn, die sich noch fürs Handwerk begeistern. Diese Motivation und Begeisterung dürfte der Branche gutgetan haben, die Reform hat sie aus ihrer Bequemlichkeit geweckt. Denn auch die Etablierten müssen jetzt auf Zack sein, um mit der neuen, innovativen Konkurrenz mithalten zu können.

Klar, der Konkurrenzkampf drückt die Preise, in manchen Branchen arbeiten Handwerker für Dumpingbeträge. Damit können weder die neuen Wettbewerber aus Osteuropa noch die Handwerkskammern zufrieden sein. Die Kammern schlagen deshalb Alarm - mal wieder mit dem Qualitätsargument: je schlechter die Bezahlung, desto schlechter die handwerkliche Qualität. Ein Trugschluss. Denn gerade dem Qualitätsverfall leistet die Reform dank der neuen Marktfreiheit Vorschub: Wer schlecht arbeitet, den entsorgt der Markt früher oder später von selbst. Egal ob er einen Meisterbrief hat oder nicht.