Vom Vater zum Sohn Arbeitslosigkeit wird vererbt

Wenn der Vater keinen Job hatte, ist auch der Sohn häufiger Besucher bei der Agentur für Arbeit.

(Foto: dpa)
  • Eine Studie belegt, dass Söhne, deren Väter arbeitslos waren, mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst arbeitslos werden.
  • Die "vererbte Arbeitslosigkeit" tritt jedoch nicht in allen gesellschaftlichen Gruppen auf.
Von Sarah K. Schmidt

Besonders deutlicher Zusammhang für westdeutsche Facharbeiter

Erstmals belegt eine Studie, dass in Deutschland nicht nur Häuschen und Vermögen, sondern auch Arbeitslosigkeit von Vätern auf ihre Söhne vererbt wird. Dafür haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die Daten des Sozio-ökonomischen Panels ausgewertet. An dieser Langzeitbefragung nehmen seit mehr als 30 Jahren etwa 30 000 Personen teil.

Das Ergebnis der Studie: Jugendliche, die im Alter von zehn bis 15 Jahren einen arbeitslosen Vater hatten, sind im Alter von 17 bis 24 Jahren häufiger selbst arbeitslos. "Für jedes Jahr Arbeitslosigkeit des Vaters erhöht sich die Dauer der Arbeitslosigkeit des Sohnes im Schnitt um zwei Wochen", sagt der Leiter der Studie, Steffen Müller.

Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang in Westdeutschland und bei Vätern mit mittlerem Bildungsabschluss. Für die westdeutschen Facharbeiter erhöht sich die Zahl auf sechs Wochen. "Wenn der Vater des einen Jugendlichen nie arbeitslos war und der Vater des anderen Jugendlichen zwei Jahre, sind es im Mittel immerhin drei Monate Unterschied bei den Söhnen", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.

Der Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit des Vaters und der des Sohnes sei jedoch nicht kausal, so Müller. Die Forscher gehen davon aus, dass in den Familien Faktoren wirken, die bei Vätern und Söhnen einen Verlust der Arbeit wahrscheinlicher machen. Zum Beispiel, wie wichtig Arbeit gesehen wird, welchen Stellenwert Fleiß oder Bildung haben oder wie Arbeitslosigkeit bewertet wird.

Kein Effekt in Ostdeutschland und bei Migrationshintergrund

Eine besonders spannende Erkenntnis der Studie: In Familien mit Migrationshintergrund und in Ostdeutschland konnten Müller und seine Kollegen keinen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit von Vätern und Söhnen feststellen.

"Wir gehen davon aus, dass dort kein Milieu-Effekt zu beobachten ist, weil die Dinge noch im Umbruch sind." Im einen Fall ist die Familie noch dabei, sich in der neuen Heimat zu verwurzeln, im anderen Fall haben die Wende und die damit einhergehende Massenarbeitslosigkeit im Osten Deutschlands die stabilen Gesellschaftsverhältnisse durcheinander gebracht.

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Eine weitere Erklärung für das Ausbleiben des Effekts in Ostdeutschland könnte sein, dass Arbeitslosigkeit hier generell weiter verbreitet ist als im Westen. "Arbeitslose Familien heben sich daher nicht so stark von der Durchschnittsbevölkerung ab", so die Wissenschaftler.

Väter in Arbeit bringen reicht nicht

Die Ergebnisse haben durchaus politische und gesellschaftliche Bedeutung. "Studien zeigen, dass sich gerade Arbeitslosigkeit in jungen Jahren negativ auf die spätere Erwerbstätigkeit auswirkt", sagt Müller vom IWH.

Um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, reicht es den jüngsten Erkenntnissen zufolge nicht, die Väter in Arbeit zu bringen - stattdessen gelte es, den Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit und der Arbeitslosigkeit von Vätern zu brechen. "Hierfür braucht es Maßnahmen, die potenziell gefährdete Söhne aus ihrem Umfeld herauslösen, zum Beispiel durch schulische Angebote und Bildungsinformationsangebote."

Auf Mädchen lassen sich die Erkenntnisse übrigens nicht eins zu eins übertragen. "Das zeigt eine weitere Erhebung, an der wir gerade arbeiten", so Müller.

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