In der Schule können sich Kinder nicht auf eine Aufgabe konzentrieren, im Job klicken sich Arbeitnehemr von einer E-Mail zu nächsten: Was die tägliche Unruhe mit dem "Aufmerksamkeitsdefizit" zu tun hat. Der Philosoph Christoph Türcke gibt eine Antwort.
Wenn besonnene Menschen über Kinder reden, die man "hyperaktiv" nennt oder denen man einen prinzipiellen Mangel an Konzentrationsvermögen zuschreibt, sagen sie manchmal, solche aufgeregten kleinen Wesen habe es immer schon gegeben. Es sei heute, da Familie, Schule und Freunde einiges von ihrer sozialen Kraft verloren hätten, nur sehr viel schwieriger, sie zu binden. Daran ist so viel Wahres, als dass sich mit ADHS ("Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung") kein scharf abgegrenztes Krankheitsbild verbindet. Das "Syndrom" gehört vielmehr, seitdem es vor dreißig Jahren seinen Namen erhielt, zu den Krankheiten, die sich, wie etwa die "Hysterie" im neunzehnten Jahrhundert, mit ihrer Diagnose zu verbreiten scheinen - was nicht heißt, dass es sie nicht gibt, sondern nur, dass sie diffuse und schwer oder gar nicht erklärbare Symptome bündeln. Tragen sie dann Namen, können Medizin und Patienten mit ihnen umgehen, und das schließt die pharmazeutische Behandlung (und deren gemischte Resultate) ein.
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Nicht nur Kinder leiden unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. (© ddp)
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Die Ratlosigkeit, die sich schon im Wort "Syndrom" verbirgt und manchmal auch "multifaktoriell bedingtes Störungsbild" heißt, bleibt allerdings bestehen, und sie gilt, mehr noch als den Symptomen der Krankheit, deren Gründen. Gewiss, eines kann als gesichert gelten, eine erbliche Disposition in manchen Fällen etwa. Und selbstverständlich gibt es physiologisch manifeste Störungen oder traumatische Erfahrungen, die eine klare Diagnose erlauben. Aber beim übergroßen Rest dieser pathologischen Erscheinungen, die sich seit einigen Jahrzehnten in allen industrialisierten Ländern, quer durch alle Volksgruppen und Schichten verbreiten, greifen solche diagnostischen Muster nicht. Das mag daran liegen, dass es keine medizinischen Antworten auf die Fragen nach dem Grund dieses "Syndroms" gibt.
In der jüngsten Ausgabe des Jahrbuchs der Psychoanalyse (Heft 62/2011) wird eine Auseinandersetzung dokumentiert, in deren Mitte der Leipziger Philosoph Christoph Türcke und dessen Thesen zur "Aufmerksamkeitsdefizitkultur" stehen. Vorausgesetzt ist ihr der Gedanke, dass medizinische Diagnosen trennen - zwischen einer Welt, die eigentlich gesund ist, und pathologischen Erscheinungen, die als Abweichung von dieser Norm verstanden werden.
Diese Scheidung aber kann es im Fall des "Aufmerksamkeitsdefizits" nicht geben: Denn unter gegenwärtigen Verhältnissen sind nicht nur Kinder aufgeregt. Tatsächlich unterliegt die gesamte Gesellschaft einem "Aufmerksamkeitsregime", einer Dauererregung durch immer schneller aufeinanderfolgende und immer heftiger werdende Bildschocks. Diese Erregung regiert etwa ein Fernsehen, in dem keine Sendung mehr von Anfang bis Ende verfolgt, sondern jeder Spannungsabfall innerhalb einer Sendung mit Umschalten quittiert wird. Sie regiert das Arbeitsleben, mit ständig neu hereindrängenden E-Mails, die jede für sich nicht nur Unterbrechung, sondern Neuorientierung verlangen. Kein Bereich des Lebens mehr ist von dieser Unruhe ausgenommen.
Unfähig zur Freundschaft
"Dies alles", sagt Christoph Türcke, "sind manifeste Aufmerksamkeitsdefizitsymptome." Das Kind, dem es nicht gelinge, sich auf irgendetwas konzentrieren, bei irgendetwas zu verweilen, eine Freundschaft aufzubauen oder ein Spiel zu seinem Ende zu bringen, das Rumpelstilzchen, das, von ständiger Unruhe getrieben, überall stört, in der Schule, in der Familie, auf dem Spielplatz, sei nur der extreme Ausdruck der Erregung, die sich überall finde, in allen Teilen der Gesellschaft.
Und wenn das Kind zur Ruhe komme, wenn es sein Kopf auf einen Gegenstand fixieren könne, dann geschehe das am Computer. Dort reichten nämlich, wie der Kinderanalytiker Wolfgang Bergmann das Verhalten beschreibt, "wenige Handbewegungen aus, um ein gewünschtes Objekt in den Bereich der Verfügbarkeit zur holen, oder einen Kommunikationspartner für den Austausch dieser oder jener Phantasie, dieser oder jener Kontakte anzurufen." Alles stehe bereit, jetzt, in diesem Augenblick, und im nächsten sei es verschwunden. Der Computer, so Christoph Türcke, sei das Medium der "konzentrierten Zerstreuung" schlechthin, und wenn das Kind sich ihm zuwende, so wie es sich keinem Menschen, keinem anderen Gegenstand widmen könne, dann geschehe dies, weil es in ihm bei sich selbst ankomme; weil der Unruhestifter nur im Angesicht der Unruhemaschine zur Ruhe kommen könne.
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Ich finde es erstaunlich, daß man heutzutage offensichtlich ohne jegliche Kenntnisse der wissenschaftlichen Grundlagen mit reinem Herumgeschwafel derart wichtig genommen werden kann wie der Autor und dieser "Philosoph".
Wir nähern uns tatsächlich an. Ich will auch nicht bestreiten, dass die Diagnose ADHS oftmals schwammig ist. Insbesondere ist es bei Erwachsenen oftmals sehr schwierig, die eigentlichen ADHS Symptome von den komorbiden Störungen zu unterscheiden. Eine sichere Diagnose ist daher schwierig. Dies bedeutet aber nicht, dass man diese Symptome nicht mit Medikamenten behandeln darf. Ein bekannter Neurologe hat in diesem Zusammenhang einmal gesagt: „unabhängig von der Grunderkrankung, richtig ist, was hilft.“
ucr
jep. langsam nähern wir uns an: denn Sie geben mir ja damit dann recht: man kann es noch nicht beweisen und somit auch nicht bei jedem Patienten beweisen und beantworten, ob er diese Diagnose wirklich hat und diese Medikamente wirklich benötigt.
Deshalb rede ich ja vom Leidensdruck- der ganz klar vorhanden sein muss. Nicht der Leidensdruck eines Umfeldes-sondern des Patientens.
Und auch dann muss man eben vorsichtig sein mit der Behauptung -dass es eine nachgewiesene Erkrankung ist.
Und Borderline ist ein schööönes Beispiel: danke, dass Sie dies aufgegriffen haben.
Erstens heisst es nicht Borderlinestörung: sondern es ist eine Persönlichkeitsstörung die man "Borderline" benennt- also wenn überhaupt redet man von BPS (Borderline-Persönlichkeitsstörung)
Und Borderline ist eine Diagnose die sich nicht an paar festen Diagnosen festmacht: sondern es ist eine Diagnose die mehrere Symptome zusammenfasst aus einem riiiieeesigen Katalog an Symptomen. Somit ist jeder Patient mit BPS ein ganz individueller- und es gibt Patienten mit BPS- die keinerlei Symptome haben die der andere hat- und dennoch die selbe Erkrankung haben.
Da es eine Diagnose ist- die viele, viele, viele verschiedene Symptome zu ein und der selben Krankheit zusammenfassen kann.
Aber hier behaupten eben auch die wenigsten Experten, dass BorderlinePersönlichkeitsstörung nicht schwammig ist.
Manche Experten wie z.B. Sachsse haben sogar schon gefordert, dass man es umbenennt.
Und man behauptet auch bei BPS nicht, dass man klar weiß, dass bestimmte Medikamente bei dieser Patientengruppe bewiesen nötig sind und wirken.
Was jeder Experte bei BPS zugibt mittlerweile ist: dass man jeden individuell betrachten muss und behandeln muss.
Und das z.B. Training für Verhaltensweisen etc besser als Medikamente sind.
Da ist man bei ADHS noch weit von entfernt- ausser bei manchen guten ADHSBehandlungsstellen.
Viele ADHSExperten sind selbst hochkritisch was Medikamente angeht übrigens. Man sagt oft, dass meist der Patient selbst intuitiv weiß-was ihm helfen wird- und dabei muss man ihn unterstützen. Bei der Suche nach den eigenen, guten Kompensationsmechanismen.
Die breite Masse der selbsternannten ADHSSpezialisten ist aber leider sehr kratzbürstig und so auf Kampf eingestellt, dass sie oft vergessen sich mal selbst zu hinterfragen und Kritik anzunehmen.
Das macht manche eben dann zu schlechten Experten.
Finde ich zumindest..
Die Ursache der ADHS ist eine Stoffwechselstörung im vorderen Stammhirn. Diese lässt sich - noch - mittels eines Bluttests oder CT nicht nachweisen.
Soweit Sie fordern, vor der Verschreibung von Psychopharmaka die Diagnose mittels biochemischer Test zu bestätigen, so ist dies nicht immer möglich. Oder kennen Sie einen biochemischen Test auf Borderlinestörungen ?
ucr
ich würde Ihren Argumenten recht geben müssen-wenn ich nicht die Realität kennen würde. Und Realität ist eben: dass all die Beweise für ADHS von denen Sie sprechen- so gut wie nie erbracht werden, geprüft werden.
Welcher Mensch mit ADHS hat wirklich ein Untersuchungsergebnis-auf dem bewiesen ist, dass er ein biochemisches Ungleichgewicht hat?
Wieviele Menschen mit Diagnose ADHS haben wirklich echte medizinische Beweise "Antworten" bekommen?
Die allermeisten werden durch Fragebögen und Gespräche als AD(H)Sler erfasst und diagnostiziert. Bekommen Medikamente-und sobald man meint es wirkt- scheint die Diagnose bestätigt.
Und so ist es immer wieder und oft einfach falsch und läd viele Ärzte ein zu schnell ADHS aufzuschreiben.
Die Frage nach dem Grund des Syndroms wird in der Realität wirklich meist nicht beantwortet- sondern die Antwort entsteht nur aufgrund Erfahrungswerte an anderen Patienten- bei denen man solch ein biochemisches Ungleichgewicht nachgewiesen hatte.
Da dies aber zu teuer und aufwendig und bei Frauen z.B. sogar fast unmöglich teils ist, da Frauen komplizierter zu "messen" sind in ihrem Hormonhaushalt (Streßhormone teils nur durch Abbauprodukte -wenn überhaupt- nachweisbar)- wird es einfach nicht geprüft.
Das kritisiere ich schon ewig-und-3tage.
Bei jeder anderen körperlichen Krankheit bedarf es eines Nachweises durch Blutuntersuchungen etc- aber bei ADHS schaut man nur: aha, verhält sich so-naja, dann wirds so sein.
So als ob ich eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziere, da 5 Merkmale erfüllt wurden -wie z.B. Müdigkeit, Gewichtszunahme, etc
Das würd keiner machen- aber bei psych. Krankheiten tut man dies.
Und deshalb: gebe ich Ihnen nicht recht UCR2..
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