Studie der Bertelsmann-Stiftung Inklusion in der Ausbildung findet kaum statt

50 000 Jugendliche mit Förderbedarf machen jedes Jahr ihren Schulabschluss. Doch nur 3500 finden einer neuen Studie zufolge danach eine Lehrstelle. Viele Unternehmen sind Inklusion gegenüber aufgeschlossen - sie verfügen schlicht über zu wenig Informationen.

Inklusion in der Schule ist ein vieldiskutiertes Thema, aber wie gut wird sie in der Berufsausbildung umgesetzt? Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt nun große Defizite: Demnach spielt gemeinsames Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten in der deutschen Wirtschaft kaum eine Rolle. Von jährlich 50 000 Schulabgängern mit speziellem Förderbedarf finden nach einer repräsentativen Studie nur etwa 3500 einen Ausbildungsplatz.

Inklusion meint das gemeinsame Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten; Deutschland hat sich im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, die Integration gehandicappter Menschen zu fördern. Der Studie zufolge sind vor allem zu starre Regeln Schuld daran, dass den wenigsten Förderbedürftigen der Sprung in den Job gelingt. Der vorgeschriebene Zeitablauf in der Ausbildung orientiere sich zu wenig an der individuellen Situation der Auszubildenden. Außerdem belege die Befragung bei über 1000 Betrieben zwar eine Offenheit für Inklusion, aber auch ein großes Informationsdefizit.

Staatliche Unterstützungsangebote wie Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung oder Kostenübernahmen für Umbauten am Arbeitsplatz sind bei weniger als der Hälfte der Betriebe bekannt, die bereits behinderte Jugendliche ausbilden. Nur ein Viertel der Unternehmen nutzt die mögliche Förderung. Laut Untersuchung wünschen sich über 80 Prozent der Befragten mehr Transparenz darüber, woher sie Unterstützung bekommen. 70 Prozent beklagten zu viel Bürokratie.

"Einfach machen und ausprobieren"

Nur etwa jedes vierte Unternehmen, das ausbilden darf, hat Erfahrungen mit förderbedürften Jugendlichen. Die Hälfte von ihnen bewertet die Zusammenarbeit als positiv. Etwa acht Prozent berichteten von negativen Erlebnissen. Mehr als 47 Prozent sehen die Entscheidung für eine Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung aber als überwiegend positiv an. Die Empfehlung dieser Unternehmen: "Einfach machen und ausprobieren."

Auf Grundlage der Studie forderte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in der Welt (Dienstag) ein stärkeres Bemühen um behinderte Menschen im Arbeitsleben. Die UN-Konvention beschränke sich nicht auf den Bildungsbereich. "Wir müssen dafür sorgen, dass sich unsere Berufswelt den Herausforderungen der Inklusion verstärkt stellt", sagte sie der Zeitung.

Ähnlich argumentiert auch Stiftungsvorstand Jörg Dräger: "Inklusion darf sich nicht auf Kindergarten und Schule beschränken. Jugendliche mit Behinderung brauchen nach der Schule eine Perspektive und bessere Chancen auf einen Berufseinstieg."

Doch welche Schüler sind eigentlich für welche Ausbildung geeignet? "In dieser Frage gibt es bei den Unternehmen oft keine Antworten", sagt Claudia Burkard von der Bertelsmann-Stiftung. Offen sei auch das Thema Berufsschulen, so Burkhard. Es gebe zwar Förderberufsschulen, aber die Berufsschulen an sich seienbeim Thema Inklusion bislang außen vor. "Der Verband der Berufsschullehrer fordert schon länger Geld und Konzepte. Bislang aber ohne Erfolg", so Burkhard.

Gleichmacherei ist nicht gleich gerecht

Die unreflektierte Forderung nach Inklusion macht Catrin Kurtz wütend. Sie findet: Eine kleine Fortbildung bereitet keinen Lehrer adäquat auf Unterricht mit förderbedürftigen Kindern vor. Wie soll sie individuell betreuen und gleichzeitig allen Schülern gerecht werden? mehr ... Lehrer-Blog