Stress im Job Zu viel, zu schnell, zu komplex

Multitasking, Termindruck, ständige Erreichbarkeit: Deutschlands Arbeitnehmer leiden. Immer mehr Menschen zerbrechen am Druck, weil sie sogar nach Feierabend nicht abschalten können. Doch den größten Stress machen wir uns selbst.

Von Maria Holzmüller

Das Telefon schrillt. Der Kollege klopft an der Bürotür. Das Handy vibriert. Und auf dem Computer, wo eigentlich das Dokument fertig bearbeitet werden will, das der Chef in einer halben Stunde auf dem Tisch haben möchte, ploppt das Symbol für eine neue E-Mail auf. Natürlich versehen mit einem roten Ausrufezeichen und der Priorisierung "Wichtig". So oder so ähnlich beschreiben zahlreiche Beschäftigte die Stressmomente ihres typischen Arbeitstages.

Zu viel, zu schnell, zu komplex: Deutschlands Arbeitnehmer leiden - das zumindest legen die jüngsten Statistiken, Studien und Medienberichte nahe. Wer Glück hat, ist einfach nur erschöpft, gereizt und ausgelaugt. Viele scheinen am steigenden Druck jedoch zu zerbrechen. Burn-out und innere Kündigung sind nur zwei der Schlagworte, die fallen, kommt die Sprache aufs moderne Arbeitsleben. Im Jahr 2012 gingen 53 Millionen Krankheitstage von Beschäftigten auf "psychische Störungen" zurück, belegt der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Als Gründe für den zunehmenden Stress und seine drastischen Folgen werden immer wieder Multitasking, Termin- und Leistungsdruck sowie die ständige Erreichbarkeit übers Handy genannt. Für Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke, sind diese Faktoren jedoch nicht das eigentliche Problem: "Sie sind nur Symptome für die steigende Dynamik und Komplexität in unserem Arbeitsleben."

In der Wissenschaft gibt es für diese beanspruchenden Grundbedingungen bereits einen Fachausdruck: Dynaxität. Der Begriff umschreibt die Problematik, dass unsere Arbeitsabläufe immer komplexer werden und der Mensch gar nicht schnell genug alles verstehen kann, weil sich die Dinge gleichzeitig ständig wandeln.

Der Mensch ist Opfer und Täter zugleich

Verantwortlich für diese Entwicklung, die Beschäftigte im Alltag als diffusen Stress und Überforderung empfinden, ist der oft vorurteilsfreie und schnelle Einsatz sich stets weiterentwickelnder Technik - so die Erkenntnisse der Forschung von Annette Hoppe, Leiterin der Kooperativen Forschungsstelle Technikstress an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. "In den vergangenen Jahren, aufgrund der enormen Entwicklungsfortschritte, war Technik unser Fetisch", sagt sie. "2004, als ich mit meiner Forschung zu Technikstress begonnen habe, herrschte noch die weitverbreitete Annahme, sie werde unser Leben ausschließlich besser machen. Heute sieht man: Durch die Technik geht es im Arbeitsleben weg vom physischen Stress hin zu psychischem Stress."

Das sieht Psychologin Anna Rosa Koch, die an der Universität Münster unter anderem zum Thema "Erholung von Arbeitsstress und Work-Life-Balance" forscht, ähnlich. "Einer unserer Hauptstressoren ist der Zeitdruck, der durch die neuen Technologien noch bestärkt wird." Weil E-Mails so schnell und problemlos verschickt werden, führe das auch dazu, dass sehr viele in sehr kurzer Zeit empfangen werden und damit den Handlungsdruck auf den Empfänger erhöhen. Diesem Druck entkommen viele Beschäftigte auch nach Feierabend nicht mehr: Das Smartphone liegt auf dem Wohnzimmertisch oder sogar auf dem Nachtkästchen neben dem Bett. Firmen-E-Mails werden in den Werbepausen des Samstagsabendspielfilms gelesen, wichtige Anrufe vom Chef auch im Urlaub entgegengenommen und stets wird das Treiben von Freunden und Bekannten auf Facebook und Twitter verfolgt.

Genau damit stressen wir uns selbst, sagt Wissenschaftlerin Hoppe: "Noch vor hundert Jahren haben wir am Arbeitsplatz mit einer speziellen Arbeitstechnik gearbeitet, uns aber nach Feierabend mit völlig anderen Dingen beschäftigt. Heute arbeiten wir zu Hause mit derselben Technik, mit genau denselben Hirnbereichen. Da gibt es keine Entlastung mehr."

Dabei sind genau wir es, die diese Arbeitsweise erst geschaffen haben, sagt Arbeitspsychologe Kastner. "Der Mensch schafft sich immer mehr Systeme, in denen er Opfer und Täter zugleich ist. Die Probleme sind überall ähnlich: Wir müssen immer schneller immer mehr machen und blicken immer weniger durch."